Facebook ist nicht Social Media: Antwort auf 7 Thesen zur Social-Media-Zukunft

Ich nehme mal kurz Abstand von der Vorbereitung des Vortrags für Speyer, weil mir über mindestens fünf Twitter-Accounts, drei Facebook-Fanpages und diverse „Hast du das gesehen?“-Mails die 7 Thesen zur Zukunft des Social Web über den virtuellen Schreibtisch flattern.

Folgende Anmerkungen muss ich kurz mal niederschreiben bevor ich wieder gedanklich in Richtung Speyer unterwegs bin. Es ist auch nicht grundlegend alles schlecht was dort behauptet wird, aber … bei einigen Punkten muss ich widersprechen. Nicht um des Widersprechens-Willen sondern weil ich den Eindruck habe, dass da einige Dinge nochmal genauer angeschaut werden müssten.

1.) Facebook ist nicht das Social Web.
Der Großteil der 7 Thesen ist dezidiert auf Facebook abgerichtet. Das ist verständlich. Wir in Deutschland denken bei Social Media und Social Web halt immer zuerst an Facebook. Allerdings – und jetzt ohne die wunderschöne erschlagende Vielfalt des bekannten Social Media Prismas einzublenden – Facebook ist nicht das Social Web. Facebook ist ein Bestandteil des Social Web. Und daneben gibt es eine Reihe von anderen Diensten. Die 7 Thesen sind allerdings tatsächlich zentral von Facebook her gedacht – schade, denn mich hätte mehr interessiert wie das Social Web vonstatten geht anstatt wie es bei Facebook weitergeht. Oder weitergehen könnte. Prognosen, Zukunft, schwierig.

2.) Facebook ist ein Social Network. Es ist nicht das Betriebssystem des Social Web und ob es das auch sein wird ist ungewiß.
Die zweite Folie behauptet, dass Facebook mehr ist als ein Social Network. Das Social Web besteht aber nicht in erster Linie aus irgendwelchen Tools, es besteht aus den Menschen die diese Tools benutzen. Facebook ist ein Werkzeug mit dem ich bestimmte Dinge erledige. Facebook – das ist richtig – strebt an, das Betriebssystem des Social Web zu werden. Ob es das wird ist eine Frage auf die ich keine Antwort habe, es kann sein, dass Facebook den Weg von Myspace geht, es kann sein dass morgen ein neuer Player auf dem Markt ist, es kann sein dass Google+ doch noch interessant wird für Otto Normal User. Schön, dass es heute einer der wichtigsten Plätze des Online-Lebens ist bestreite ich nicht. Aber ob Facebook es schafft das Windows des Internets zu werden – fraglich.

3.) Facebook überwindet die Anonymität des Internets – meine Cousinen sind da aber nicht mit Realnamen drin.
Nein, moment, der Text auf der Folie heißt ja eigentlich, das Internet überwindet die Anonymität, aber der Satz vorher setzt wiederum Facebook mit dem Internet zumindest annähernd gleich. Sorry, aber das stimmt definitiv nicht – und warum das Internet die Anonymität überwinden soll frage ich mich auch gerade, krank ist es doch nicht, das Netz? Facebook hat zwar in der Vergangenheit mal bei künstlich erstellten Profilen enorm aufgeräumt, Facebook erlaubt auch eigentlich nicht die Nutzung mit einem Pseudonym, aber bei unzähligens John Smiths, Frank Schultzes etc. pp. kann Facebook unmöglich feststellen ob dahinter jetzt ein Mensch sitzt, der diesen Namen im Personalausweis hat oder auch nicht. Diese These steht auch quer zur Tatsache, dass jungen Leuten ja gerade geraten wird ihre ersten Erfahrungen in Social Networks vielleicht nicht unbedingt mit dem Realnamen zu machen.

4.) Eine Renaissance von Apps? Eher eine Rückbesinnung darauf, dass Inhalte einem nur dann selbst gehören, wenn sie auf dem eigenen Speicher liegen.
Dazu nur kurz: Dass die Thesen extremst von Facebook her gedacht sind ist bei These 4 gegenwärtig. Facebook ist ein Newsdurchlauferhitzer mit Werbeeinblendungen. Inhalte, die ich dort poste gehen spätestens dann ins Nirwana wenn Facebook pleite geht – ein eigener Server gewährt zumindest, wenn man schön Backups macht, dass die Daten später nicht verloren sind. Und die Daten gehören mir wenigstens. Oder liest jeder wirklich die kompletten AGBs von Facebook durch, denn da steht drin wie die mit den Daten umgehen – ob das im deutschen Recht geht ist nochmal eine andere Frage, aber generell so? Wie man jüngstens mit dem Widerspruch-Meme gesehen hat, tun die meisten das eher nicht… Und wieso eine Renaissance von Apps?

5.) Drei Zahlen von drei Studien ergeben noch nicht eine zuverlässige Gesamtdarstellung.
Sehr kurz dazu: Sorry, aber ich kann nicht Daten von drei Studien zu einem Schaubild zusammenwerfen. Na ja, man kann Studien selbstverständlich vergleichen, dann sollte man das aber bitteschön auch ein wenig intensiver tun. So entsteht ein schlechter Eindruck. Jedenfalls bei mir.