Facebook zum Edgerank: „Was soll die Aufregung eigentlich?“

Seit Tagen schlagen Unternehmen die Hände über den Kopf zusammen: Facebook hat am Pagerank für die Fanseiten gebastelt. Die Folge: Eine deutliche Senkung der Reichweite. Das Torrent-Magazin kommt übrigens glimpflich davon, da ist das nicht so tragisch – ich werde aber hier nicht weiter darauf eingehen warum ich glaube, dass das so ist. Die überwiegende Masse jedoch schrie Zeter und Mordio. Facebook hat sich wie ich andern Orts schon schrieb zu den Bedenken geäußert. Tenor: „Setzt einfach nur auf mehr gute Inhalte und wenn nicht, kauft bitteschön Werbung.“

„Unser Ziel ist es im News-Feed stets die relevantesten Informationen für den Benutzer zu zeigen – dabei sind das Informationen von Leuten mit denen man bei Facebook vernetzt ist. Wir glauben: Der Inhalt einer Page sollte so sein wie der Status eines Freundes-Photos oder -Updates. Dieser bekommt Aufmerksamkeit, wird häufiger geteilt und wird im News-Feed bevorzugt angezeigt. So bleiben News-Feeds für die Benutzer interessant, da sie wirklich nur die für ihn relevanten Themen beinhalten.“ – Dass Facebook eine Filter-Bubble erzeugt, einen Echoraum in dem nur die Stimmen durchdringen mit denen man interagiert war schon klange kein Geheimnis und hat für diverse Diskussionen gesorgt. Schließlich kontruiert Facebook eine Wirklichkeit für den Nutzer statt dass dieser diese für sich selbst erstellt. Auf die Frage, ob wir im wirklichen Leben auch ohne jeden Filter zurecht kämen gibt es wohl die Antwort: Nein. Würde unser Gehirn ständig alles in den Focus rücken was wir wahrnehmen würden wir Totally Lost. Nicht zu Unrecht vermutet man, dass Autisten diese eingebauten Filter fehlen.

Der Aufschrei erfolgte jetzt in erster Linie weil Facebook am Edge-Rank für Facebook-Pages herumschraubte. Zukünftig werden auch diese mehr nach der Art wie der Nutzer mit ihnen umgeht dargestellt anstatt dass vermeintlich jedes Posting durchdringt. Aber auch in der Vergangenheit sind nicht grundsätzlich alle Postings von Fanpages an den Abonnenten ausgeliefert worden – sonst müsste z.B. meine Timeline bei den knapp 500 „Gefällt mirs“ die ich vergeben habe vollkommen überflutet gewesen sein. Das war sie aber nicht. Eine Filterung hat also vorher schon stattgefunden, sie war nur etwas sanfter als jetzt.

Unsanft sind die Firmen aus dem Schlaf geweckt worden, die bisher glaubten, man müsste nur alle paar Jahre mal was posten oder ein Gewinnspiel veranstalten oder lustige Katzenbilder auf die Seite bringen und alles wäre gut. Bei lustigen Katzenphotos könnte das vielleicht noch funktionieren, wenn das in der letzten Zeit nicht überhand genommen hätte – „Schauen Sie sich das Video an! Es sind kleilen Kinder zu sehen! Unbedingt anschauen!“ als Statusmeldung war so das bescheuertste der letzten Zeit. Es zeigt aber auch die Verzweiflung von Firmen, die nicht verstanden haben dass hier in Deutschland Social Media eine Art Wohnzimmer ist.

Facebook wird in der Regel von den meisten Leuten als virtuelle Erweiterung des realen Wohnzimmers verstanden: Hier ist man persönlich, vielleicht sogar privat – was ich nicht raten würde, Facebook ist immer noch eine Firma und nicht die nette Non-Profit-Gesellschaft von Nebenan, selbst dieser sollte man nichts Privates anvertrauen – und natürlich stelle ich mir im Wohnzimmer vielleicht den Fernseher einer bestimmten Marke hin, hänge das ein oder andere Werbeplakat auf weil es mir gefällt oder händige Freunden die tolle Postwurfsendung weiter, die im Briefkasten war. Firmen verstehen aber nicht, dass man nicht in diesem Raum mit Werbung belästigt werden möchte. Klar, wenn man ein eigenes Interesse hat, dann klickt man auf die Fanpage, informiert sich – aber es ist wie mit nervenden Coldcalls des Telefonanbieters: Irgendwann gehts einem so auf die Nerven, dass die Anrufer direkt auf die Mailbox laufen.

Firmen, die bisher eine Push-Mentalität im Social Web an den Tag gelegt haben, werden es – und das sagt Facebook recht eindeutig – schwer haben ihre Kunden von sich zu begeistern wenn sie nicht allmählich anfangen für den Kunden wertvolle Informationen zu liefern. Der Maßstab aller Dinge für Facebook ist die Frage, wie oft interagiert wird. Welche Faktoren genau reinfließen in den Edge-Rank legt Facebook natürlich auch jetzt nicht offen. Aber die Firma lässt anklingen, dass es eigentlich genau die sind, die es schon immer waren. Nur, dass man jetzt den Maßstab der bisher für die normalen Postings der Nutzer galt auch für die Fanpages anlegte. Ausgleichende Gerechtigkeit könnte man das nennen.
Von daher bleiben Firmen zwei Alternativen um gehört zu werden: Entweder sie begeistern ihre Fans mit gutem Inhalt und spannenden Aktionen – ich befürchte allerdings, dass Fans den „Liken Sie dieses Bild wenn Sie meinen, dass…“- und „Süßes Kätzchen! Teilen Sie das, wenn…“-Postings durchaus Erfolg bringen werden, aber ich hoffe das ist nur vorläufig – oder sie kaufen Werbung. Und aus Facebooks Sicht ist es natürlich besser, wenn Firmen Werbung kaufen. Denn Facebook ist nicht die Bahnhofsmission und selbst die muss ja schauen woher sie ihr Geld bekommt.