Neue Staffel für die beste SF-Familienserie der Welt oder was Doctor Who verdammt richtig macht

Auch dieses Jahr werde ich wieder atemlos vor dem Bildschirm sitzen und kreischende Laute von mir ausstoßen – und sicherlich vor Weihnachten auch in Tränen ausbrechen – und damit werde ich auf der Welt glücklicherweise nicht der Einzige sein. Denn die neue Staffel von „Doctor Who“ ist jetzt in den UK gestartet. Und diesmal heißt es Abschied nehmen von den Begleitern des Doctors, dem Ehepaar Ponds – noch nicht direkt in der ersten Folge, aber kurz vor Weihnachten werden „Angels in Manhattan“ zu sehen sein und dann wird es eine neue Begleiterin des Doctors geben. Das und das grundlegende Konzept hat sich während all der Jahre nicht geändert: Der Doctor ist ein Alien, das in einem Zeitraumschiff durch – nun – Zeit und Raum reist, selten ganz alleine sondern immer mit einem Begleiter, einer Begleiterin oder mehreren Begleitern.

Dass sich bei einer derart langlebigen Serie – hätte es nicht eine Pause gegeben, sie wäre die am längsten laufende SF-Serie der Welt, aber die Aussicht, dass Doctor Who Stargate überholt stehen nun nicht so schlecht – einiges ändern muss um sie aktuell und frisch zu halten ist unabdingbar. So als in den 70gern entschieden wurde, den Doctor mehr in die Richtung eines Agenten  zu verlagern, der mit allerlei Autos, Motorbooten und Karatetritten den Gegnern den Garaus machte. Schon der Doctor der 60ger Jahre, der Space Hobo, war eine vollkommen Wiederspiegelung des Zeitgeistes – davon zeugte allein schon die Beatles-Frisur. Dass der Doctor ein Alien ist, der sich mit jedem Tod regeneriert erleichtert natürlich die Anpassung des Formats an die aktuellen Gegegebenheiten und erklärt wie die Rolle von Dutzenden von verschiedenen Schauspielern gespielt werden konnte. Dabei ist und bleibt Doctor Who allerdings vor allem etewa, was hier in Deutschland ein Ding der Unmöglichkeit ist: Doctor Who ist eine SF-Familienserie, die in den UK die Eltern zusammen mit den Kindern anschauen. Ja, es mag sein dass Star Trek da ein wenig rankommt, aber während das Franchise auf den zweiten Film wartet – und eine komplett neue Ausrichtung aka Parallel-Universum erfährt – ist Doctor Who doch noch immer bodenständig britisch geblieben. Auch wenn es Folgen gibt, die den Eltern wohl einiges an Erklärung für die Kleinen abverlangen.

So etwa wenn diese versuchen die Geschichte von River zu verfolgen, die entgegen des Zeitstroms des Doctors erzählt wird. Der Zuschauer lernt River also das erste Mal dann kennen wenn sie auf dem Bibliotheksplaneten – allein dies ist eine dieser Ideen, die den Doctor so sympathisch machen: Ein BIBLIOTHEKSPLANET! – das letzte Mal auf den Doctor trifft. Das Geheimnis um River Song bildete die große Klammer der letzten beiden Staffeln und Doctor Who traut sich Kindern Konzepte wie „künstlich nachzüchtbare Menschen, die im Säuretank versinken“ oder „Begleiterin des Doctors gibt es auf zwei Zeitebenen“ vorzusetzen – wovon zum Schluss dann sogar eine Ausgabe willig stirbt… Das ist etwas, was Doctor Who richtig macht: Die Serie nimmt die Kinder gleichermaßen ernst wie die Erwachsenen. Sicherlich werden wir ab und an daran erinnert, dass Doctor Who im Grunde für Kinder gemacht ist – doch die letzten beiden Staffeln hatten eine Tiefe, die für alle Generationen gleichermaßen abenteuerliche Stunden vor dem Fernseher bot. Schön, Piratenschiffe und Sirenen, Vampire in Venedig sind dann wiederum der Ausgleich und dienen nur dem reinen Vergnügen. Doctor Who kann zutiefst albern sein und bietet damit ein Gegengewicht gegen die Folgen, die man sicherlich Kindern nochmal erklären muss.

Trotz der ellenlangen Vorgeschichte kann man bei Doctor eigentlich – abgesehen vielleicht mal mit der ersten Folge der vierten Staffel – mit jeder ersten Folge einer Staffel einsteigen. Sicherlich wird man später dann mal auch die anderen Staffeln anschauen, da die ersten vier Staffeln einen großen Handlungsbogen bieten, der im Finale elegant alle Fäden zusammenführt und Staffel Fünf und Sechs sind auch eine Einheit, da hier die Geschichte von River Song erzählt wird. Da das aber immer 13 Folgen pro Staffeln sind kann man das rasch nachholen und selbst wenn man vielleicht nicht alle Anspielungen mitbekommt, Doctor Who ist sehr einsteigerfreundlich. Notfalls gibts ja das Internet oder jemanden, den man fragen kann… Auch das macht Doctor Who richtig – zudem kann man auch für den Einstieg eine der Einzelfolgen vorführen – Favorit: „Blink“, in der Folge geht es unter anderem um Engel, Zeitreisen und DVDs, mit Abstand die schreckeinflößenste jemals. Einsteigerfreundlich sind natürlich auch die ersten zwei Serien von „Star Trek“, Einzelabenteuer in der Regel bis auf Zweiteiler mal.

Was Doctor Who auch noch richtig macht: Waffen spielen als Konflikt-Lösung nicht so die Rolle. Der Doctor führt noch nicht mal eine bei sich sondern nur einen Sonic Screwdriver – einen Schraubendreher, der Türen zuschweißen kann, vielleicht nochmal Technik beeinflußt, aber als Waffe ist das Ding nicht wirklich ernstzunehmen. Der Doctor erledigt seine Gegner in der Regel mit Köpfchen, Charme und Fachwissen. Selbst wenn er mit fiktiven militärischen Organisationen zusammenarbeitet ist es nicht der Doctor, der Gewalt anwendet. Bei ihm genügen einige kleine Worte um die Mächtigen zu Fall zu bringen. Erst reden, dann kämpfen ist die Losung des Doctors, der damit entgegen der Klischees der Actionhelden arbeitet – und manchmal doch zu einem solchen mutiert. Dies aber erst dann wenn alle anderen Optionen definitiv ausgeschöpft sind.

Ebenfalls hat Doctor Who grandiose Gegenspieler: Die Daleks, die faschistoideste Rasse im Universum, die alles Leben auslöschen will und keine Gefühle mehr hat – treffender kann man Nazis und ihre Ideologie kaum zeichnen. Ebenfalls in dieser Richtung gezeichnet: Die Cybermen – durch Technik aufgewertete Menschen, die allenfalls das Gehirn noch im Blechkörper als Organ ihr Eigen nennen und die immer auf der Suche nach dem nächsten und besten Upgrade sind. Es gibt bei Doctor Who den intelligenten eiskalten Geschäftsmann, der nur für seinen Profit arbeitet ebenso wie der berühmte verrückte Wissenschaftler, Davros, Erschaffer der Daleks. Ein fehlgelandetes Raumschiff auf der Suche nach einem neuen Piloten kann dabei ebenso zur Gefahr werden wie das Zwinkern im Angesicht von Engelsstatuen. Es gibt die etwas einfacheren gestrickten Gegner – den Absorbaloff etwa – und dann auch welche, die motiviert handeln. Die Leiterin von Torchwood One etwa glaubt an ihre Mission, die Welt vor dem Doctor schützen zu müssen und mit Alientechnologie England gegen Feinde zu verteidigen. Auch hier wieder die Ambivalenz zwischen kindgerecht und erwachsenenanspruchsvoll.

Dass Doctor Who hierzulande nur als reine Kinderserie angesehen wird, die man im Samstag-Nachmittagsprogramm verheizt – jedenfalls im Free-TV, im Pay-TV landet die Serie dann immerhin auf dem 20:15 Sendeplatz ist schade, aber wird sich so schnell nicht ändern. Denn um zu begreifen wie faszinierend die Serie nach all den Jahren immer noch ist und dass es bisher tatsächlich keine Staffel gibt, die insgesamt durchhing – einige Folgen gibts immer – ist echt eine großartige Leistung. Immerhin: Staffel 5 gibts hierzulande mittlerweile auf DVD. Damit könnt ihr ruhig einsteigen. Ich freue mich auf eine unheimliche Achterbahnfahrt mit der neuen. Staffel 7 übrigens…