Wenn fiktive Personen keine Geschichten erzählen

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Das Unbehagen, dass mich bei einigen Projekten überfällt hat Christian Henner-Fehr im Nachklapp zum stART-Camp München am Wochenende gut in Worte gefasst:

Probleme habe ich mit den zahlreichen Figuren, die sich mittlerweile auf Facebook und Twitter tummeln. Oftmals als persönliches Profil angelegt, was laut AGB auf Facebook verboten ist und deshalb dazu führen kann, dass der Account von Facebook ohne Vorwarnung gelöscht wird, fehlt mir bei diesen Figuren einfach der Spannungsbogen. Einfach nur täglich ein oder zwei Postings oder Tweets pro Tag online zu stellen halte ich für wenig zielführend, weil diese Inhaltsschnipsel selten so konzipiert sind, dass man sich voller Erwartungen auf das nächste Posting freut.

Aktuell kann man das bei Facebook recht gut beobachten, denn dort wurde anlässlich des 300. Geburtstags Friedrich des Großen ein Projekt gestartet von dem ich mir anfangs recht viel versprach: Diderot, Voltaire, Kant – kurzum alle wichtigen Zeitgenossen sollten dem Leser die Ereignisse von – ich glaube – drei Jahren in Kurzform nahebringen. Seitdem tummeln sich die – als fiktive Charaktere angelegten, immerhin – Profil bei Facebook und tun genau das was Henner-Fehr bemängelt. Sie posten ab und an mal Links, reden über das Wetter, interagieren ab und an mal miteinander aber das war es auch schon. Eine richtige Geschichte erzählen sie nicht – und damit langweilen sie. Die Hintergründe des Experiments wurden wohl auch auf dem stARTCamp dargelegt – Fritzplus jedenfalls kann man jetzt schon als gescheiterten Versuch ansehen. Sechs Wochen gepflegte Langeweile pur. Gähn.

Fritzplus hat vergessen, dass Geschichten einen Anfang, eine Mitte und – gegebenenfalls – ein Ende brauchen und dass Geschichten eine innere Struktur besitzen müssen. Man muss jetzt nicht das Rad neu erfinden, im Falle des Geschichtenerzählens dürfte das auch schwer sein weil wir uns instinktiv und unbewußt an die Formeln und Formate gewöhnt haben, die es seit Jahrtausenden gibt. Es gibt Grundplots wenn man eine Geschichte erzählten möchte – ein Volks-Märchen, nicht das, was Andersen und andere erfunden haben – hat in der Regel eine innere Logik: Es gibt drei Söhne, der jüngste ist benachteiligt, es gibt eine Aufgabe an der die zwei ältesten scheitern, der jüngste Sohn aber meistert diese Aufgaben und gewinnt am Ende den Preis. (Ich gebe zu, es gibt natürlich auch bei Märchen noch diverse andere Formate, aber das ist ja nur ein Beispiel.) Wen das genauer interessiert, schaffe sich das Buch von Christopher Booker an – „The Seven Basic Plots“.

Marcus Brown hat in seinem Vortrag bei der Operation Ton genau definiert was ein fiktiver Charakter tun muss um glaubhaft zu wirken. Ich kann jetzt die Punkte nicht alle aufzählen, aber neben der Interaktion mit dem Publikum muss der Charakter auch das tun, was andere Menschen gemeinhin tun. Was bei historischen Figuren etwas schwierig ist ebenso wenn eine Figur aus der Zukunft kommt – aber essen, trinken, schlafen, schwitzen, sich über etwas freuen, sich zu Tode heulen sind ja Dinge, die allgemein Menschen zu allen Zeiten getan haben. Das fehlt bei Fritzplus und das fehlt häufig auch auf anderen Facebook-Accounts, die fiktive Charaktere widerspiegeln.

Fritzplus hat nach dem Beginn der Geschichte nicht aufgezeigt, wohin die Reise gehen soll. Es gibt Episoden bei denen ich dachte, dass die das jetzt doch noch in den Griff bekommen hätten – eine Reise von Voltaire meine ich nach Berlin, da war so schönes historische Potential drin und man hätte über die Reisemöglichkeiten der Zeit informieren können – allerdings steckt die Geschichte jetzt in der Mitte fest und entwickelt sich nicht weiter. Obwohl Marcus Brown ja „die Mitte liebt“ sollte man der Geschichte auch einen guten Schluss verpassen – ob es das Happy Ending ist oder ob am Ende der Charakter stirbt, aber ein Ende sollte man schon einplanen. Dass die Geschichte, die man interaktiv erzählt, ab und an Haken schlägt weil es diesen Rückkanal gibt, das ist logisch. Und genau das macht am Erzählen ja auch Spaß: Das Weiterspinnen. Das Aufabulieren.

Kurzum: Wer eine Geschichte erzählen möchte, braucht Hintergrundwissen. Es reicht nicht sich einfach einen fiktiven Charakter anzulegen und sich durchzuwuseln durchs Netz, es sollte schon etwas Handefestes dahinter sein. Ich hoffe, dass die Firmen und Verlage das mit der Zeit noch lernen werden, bin mir aber da recht sicher. Vor allem Verlage sollten ja eigentlich erkennen, wie das mit den Mustern des Erzählen so läuft…

 

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