Facebook-Doku in der ARD: Halbgar

Ich muss mir bei sowas immer ins Gedächtnis rufen, dass ich der Karawane voranmarschiere. Das heißt: Ich beschäftige mich mit einigen Themenfeldern schon etwas intensiver als der Rest der Gesellschaft, teilweise auch mit Sachen, die heute noch nicht bedeutsam sind. Es ist halt Social Media, da gibts immer jeden Tag den neuesten heißen Anwendungsscheiß den man kennen muss. Bei anderen Berufen ist das mit der Fortbildung wohl etwas gemütlicher.

Halten wir mal das Positive der ARD-Doku über Facebook fest:

– Sie hat gezeigt, wie die heranwachsenden Jugendlichen mit Facebook umgehen. Das ist positiv, den Einblick hat nun mal nicht jeder.
– Sie hat verdeutlicht – wenn man das jetzt nicht schon wußte – dass Facebook mit Daten handelt.
– Ebenso: Ja, Applikationen auf Facebook können gefährlich sein.
– Datenschutz war immerhin ein Thema.
– Die Interview mit den Verantwortlichen bei Facebook waren interessant, nicht weiter erhellend aber interessant.
– Falls das mit dem Cookie noch keiner wußte: Ja, Facebook setzt ein Cookie.
– Netter Titelsong.

Was nicht toll war:

– Werbekonzepte von Facebook bestehen nicht nur darin, dass man Anzeigen wie bei Google-Ads schalten kann. Sponsored Stories oder ähnliches etwas kamen in der Doku nicht vor – und sind ein wichtiger Teil der Werbung bei Facebook. Ebenfalls natürlich dass Empfehlen von Produktfanseiten.
– Beim Teil über Russland und die Investoren bei Facebook war zuviel Mutmaßung drin. Das hat man im Sprechertext auch gemerkt, Konjunktive mehrten sich da und auch eine Feststellung wie „Man kann davon ausgehen…“ ist nun wirklich rhetorisch nicht besonders geschickt. Spannender wäre es gewesen, hier mal wirklich zu erfahren wer denn bei Facebook alles seine Finger drin hat. Mutmaßungen a la „sämtliche Geheimdienste der USA“ sind nun nicht wirklich hilfreich.
–  Ob irgendjemand verstanden hat worum es bei der Datenschutzdebatte nun genau ging? Erst redet Thilo Weichert was und dann gibts heftige Schnitte mit dem Schluss, dass Facebook selbst keine Auskunft gibt. Letzteres war interessant, aber vorher denke ich war den Journalisten selbst nicht ganz klar worum es bei der Datenschutzdebatte geht – und was da vor sich ging. Zugegeben: Das ist ein komplexes Thema und lässt sich halt schwer zusammenfassen – andererseits erwarte ich doch eine gewisse Einordnung des Ganzen. Bißchen differenzierter. Bei aller Skepsis Facebooks Datenschutzpolitik gegenüber: Das war mir dann doch zu platt am Ende.
–  IT-Fachleute können eine Menge, ich bin mir sicher dass man bei Facebook auch durch die Sicherheitslücken hindurch auf andere Profile kommt – aber der IT-Fachmann war hier auch irgendwie vage. „Man könnte durch die Interessen der Freunde darauf schließen, welche Hobbys die Nutzerin denn ebenfalls habe“ – sinngemäß. Vermutlich. Könnte. Hätte. Muss man aber nicht, weil die Bekannte eventuell komplett andere Hobbies hat. Erstaunlich, selbst bei meinem Freundeskreis habe ich nicht alle Hobbies mit allen gemeinsam. Sowas. Schade, dass man hier so vage blieb und nichts Handfestes zeigte als Ziffern von Code, die über den Bildschirm laufen. (Seit „Matrix“ immer wieder gerne genommen, sagt mir aber als Zuschauer nur: „Da läuft jetzt gerade irgendwas über den Bildschirm.“)
– Facebook setzt Cookies. Was die Doku nicht erwähnt: Das machen andere Seiten auch. Cookies kann ich löschen. Ebenso wie man sich bei Facebook auch ausloggen kann bevor man im Internet weiter Seiten besucht. Das war doch etwas schwach. Sicherlich ist der „Gefällt mir“-Knopf und die Datenübertragung nicht unbedingt koscher, aber man kanns ja auch vermeiden.
– Es ging um Facebook, wo es um Medienkompetenzvermittlung hätte gehen sollen. Der Umgang mit Facebook ist ja nur ein Symptom für das Verhalten einer ganzen Generation mit dem Medium der Sozialen Netzwerke – um Jappy kümmert sich ja kein Schwein, gut, die VZs gehen eh den Bach runter. Schade, dass die ARD dann doch eher auf dem recht einseitigem Weg blieb die Risiken und Gefahren darzustellen. Kritik ist gut und wichtig, aber ab und an war doch etwas zuviel DRAMA! PATHOS! in der Art und Weise der Darstellung.

Mag sein, dass Oma Paschulke jetzt eine wahnsinnige Angst vor Facebook hat und mit ihrer Enkeltochter reden, ihr gar Facebook verbieten wird. Großartig, denn wie wir jetzt wissen hält selbst die Richtline, dass erst Kinder ab 13 ein Facebook-Konto haben sollten diese nicht davon ab schon mit 12 eines zu haben. (Was mich nun nicht überrascht hat, aber ich habe auch an Schulen gearbeitet.) Anstatt also dass wir den Kindern und Jugendlichen – und auch Erwachsenen – zeigen, wie man verantwortlich mit sozialen Medien umgeht trotz der Gefahren und Risiken machen wir lieber Dokumentationen, die überall mit „Achtung! Gefahr!“-Signalen arbeiten. Ob das so sinnvoll ist?
Warnen und mahnen schön und gut, denn wenn man die Risiken kennt weiß man worauf man sich einlässt. Aber allmählich sollten wir auch gelernt haben, dass Verbote nicht funktionieren und Jugendliche neugierig sind. Von daher wäre eine Doku, die zeigt wie man sich in Sozialen Netzwerken verhält sicher angebracht. Aber die brächte ja keine Quote, weil die nicht dramatisch genug wäre.

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