Die deutsche WIRED: Na ja, also, hmmm…

Der Akku meines iPhones war am Mittwoch alle und deswegen brauchte ich etwas Lektüre und irgendwie bin ich dann im Dortmunder HBF an die Einzelausgabe der deutschen WIRED geraten – über die natürlich schon längst alles Relevante und Irrelevante geschrieben ist. Was mich natürlich nicht davon abhält, doch noch was über die deutsche Ausgabe zu schreiben – vor allem weil ich die UK- und die US-Ausgaben kenne. (Und beinahe regelmäßig für teuer Geld kaufe, einfach, weil die das wert sind…)

Vom Aussehen her jedenfalls ist das Layout so, wie man es von der WIRED kennt: Gefühlt sind es allerdings definitiv mehr Anzeigen und was mich stört ist dieses „versteckte“ Anpreisen von Dingen, die unter „WIRED empfiehlt“ laufen – da steht zwar Anzeige drüber, aber so offensichtlich ist das nicht. Und die Anzeige fürs HP Tablet ist natürlich vom jetzigen Zeitpunkt aus etwas zum Schmunzeln. (Was ich mich allerdings gefragt habe: Warum legt man einen ausgedruckten Kundenbefragungszettel bei, zweiseitig, wenn man ohnehin nur im Internet die Befragung machen kann? Schade um die Bäume…) Allerdings: Bei der Grafik zur Kriminalitätsverflechtung in der Welt mit den Bundesländern ist die Farbwahl einfach mies. Das eine Rot ist nur einen Hauch dunkler als das andere. Da muss man als Brillenträger schon etwas länger drauf starren. Ebenfalls keinen Mehrwert: Die Infographik zu den Superhelden: Viele, viele bunte Stränge, die Agenda dazu so klein gedruckt, dass man einfach keine Lust hat sich damit zu beschäftigen. Und die Erklärungen zu einigen Karten sind generell viel zu klein. So macht das keinen Spaß. Ebenso wie ich das Wortspiel Wired – Tired – nicht so ganz nachvollziehen konnte. Okay, ja, das eine ist wohl „toll“, das andere „mies“.

Die Mischung ist ähnlich wie bei den Vorbildern: Es wird erklärt was in einer Meica-Wurst so drin ist – und warum ich die nicht esse wird dann sehr deutlich – was es damit auf sich hat wenn Tiere sich schütteln, es gibt kleine rote Serviceroboter in einer Bank – kurzum – das findet man auch so in den englischen Varianten. Und die Stunts, die man nicht nachmachen sollte – Indiana Jones, Superman – WAREN auch tatsächlich schon in einer englischen Variante zu finden. Die Mischung ist also eigentlich so wie im Original.

Das wäre an sich alles ja eher ein Grund zur Freude, wenn – tja – wenn die deutsche Ausgabe ebenso nonchalant getextet wäre wie die Vorlagen. Der Stil der WIRED besteht darin, dass sie hochkomplexe Themen mit Ironie und einem gewissen Augenzwinkern präsentiert und das gelingt ihr zwar mal mehr, mal weniger gut – allerdings ist es immer noch der besondere Tonfall, der ausdrücklich beide Varianten prägt, sowohl die UK- als auch die US-Ausgabe. Die deutsche WIRED kommt an diesen charmanten, leichten und ironischen Tonfall, der dann ernst wird wenn es wirklich ernst sein muss – etwa bei Thema Atomkraftwerksbilder, die waren auch schon vorab in einer englischen Ausgabe zu sehen – einfach bei weitem nicht heran. Selbst Jeff Jarvis‘ Artikel über Gutenberg ist nicht herausragend – amüsant und nett geschrieben, ja, aber nicht herausragend. Die deutsche Redaktion ist vor allem eins: Ernst. Bierernst. Selbst bei der bunten und wuseligen Oktoberfestgraphik bleibt man bierernst und übt sich im Vermitteln von Fakten. Die deutsche WIRED ist langweilig.

Vor allem für denjenigen, der aktiv im Internet unterwegs ist und daher schon die meisten Autoren kennt: Richard Gutjahr, Thomas Knüwer, Dueck und Co. – die Autoren der Haute-Volee des Netzes halt. Mag sein, dass derjenige, der nicht aktiv im Netz ist von diesen Autoren noch nie was gelesen oder gehört hat. Allerdings werden wohl die meisten, die die WIRED gekauft haben schon von sich aus netzaffin sein. Das Textbouquet bietet dies, bietet jenes. Allein es ist der Geschmack von Fastfood, von Texten, die einmal gelesen schon bis zur nächsten Ausgabe vergessen sind. Sie können es alle irgendwie besser hat man das Gefühl und wenn man die Texte im Netz von den Autoren kennt, dann ist das sicherlich auch der Fall. Die Eingrenzung auf eine bestimmte Zeichenanzahl scheint den Autoren nicht so ganz zu schmecken. Interessante oder originelle Beiträge? Kommt auf den Standpunkt an. Wer vertraut mit dem Internet ist, wird sicherlich nichts Neues finden. Und wer damit nicht vertraut ist, wird die WIRED nicht kaufen sondern bei Computerbild oder PCGo oder Konsorten bleiben.

Gelungen ist das Thema über die Geeks – wobei ich leichte Zweifel habe ob der Begriff Geek nicht doch abwertender gemeint ist als der des Nerds, zudem hat der Nerd in der letzten Zeit eine Aufwertung erfahren durch unter anderem Serien wie „The Big Bang Theory“ – wobei man hier das Problem hat, das wenn man viele Portraits aneinanderstellt es irgendwann wie in einem Lexikon doch recht öde werden kann. Durch die Themenvielfalt ist das zumindest nicht gegeben. Immerhin.

Alles im Allen sehe ich momentan nicht, warum ich eine deutsche Ausgabe der WIRED abonnieren oder kaufen sollte. Mir fehlt der Witz, die Ironie und die Leichtigkeit des Originals – selbst die UK-Ausgabe hat den, aber wir Deutsche können halt nur ernst offensichtlich oder radikal lächerlich – und ich würde der WIRED gerne noch zwei, drei Ausgaben geben – sofern sie sich gut verkauft hat. Aber ich glaube nicht, dass sich in dem Wust von Fachzeitschriften wirklich etwas wie WIRED halten können wird. Ob das zu bedauern ist?

 

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