Das Ende eines langsamen Todes

Natürlich wußte ich es schon länger und es wurde auch offiziell verkündet, dass seit einem halben Jahr das Dacapo-Blog geschlossen werden sollte. Wann genau aber wußte ich persönlich nicht und deswegen bin ich seit dem 03. September jeden Tag ein kleines bißchen mehr gestorben – und seit heute atme ich nicht befreit auf, weil es vorbei ist, aber immerhin ist der Schlussstrich von offizieller Seite gezogen worden. Was mich wehmütig und traurig macht und das weit mehr als ich dachte. Aber gut: Drei Jahre sind im Internet eh eine lange Zeit und länger bin ich nur noch mit dem Netbib verbunden, was allerdings ja auch ohne meine Beiträge zur Zeit auskommen muss. (Zehn Jahre? Wirklich? Meine Güte.) Persönlich kann ich für mich sagen: Die Zeit mit Jonathan Darlington war eine, die mich geprägt hat. Einerseits, weil Dacapo auch mit das erste größere Projekt für mich und ich viel lernen konnte, andererseits weil ich viele interessierte Menschen getroffen habe – ob Orchestermusiker, Dirigenten oder Interpreten. Weil ich sehen konnte wie Menschen auf einmal ein Glänzen in die Augen bekommen haben und stolz auf „IHR Orchester“ waren – und das weil sie auf einmal mitbekamen, was für eine Leistung die Musiker eigentlich vollbringen wenn sie auf der Bühne sind. Weil ich miterleben konnte, wie sich Menschen, die sich nie im Leben über die Schwelle der Mercator-Halle gewagt hätten auf einmal dank der Sozialen Netzwerke und des Blogs regelmäßiger im Konzert blicken ließen. Ich habe 6000 Kinder in der Mercatorhalle miterlebt, Kinder, die neugierig und begeistert waren, die auf einmal Interesse an uncoolen Instrumenten wie Harfe oder Bratsche fanden. (Und ja, Bratschen SIND nicht gerade sehr beliebt, man frage mal Orchestermusiker nach Bratischistenwitzen. ;-)) Ich habe Christoph Loy für mich entdeckt. Ich habe in den drei Jahren Freitage im Hundertmeister verbracht und habe es nie bedauert, weil die PLAYLIST – die ja offenbar auch eingestampft worden ist, jedenfalls habe ich noch nichts gehört oder gesehen – immer interessantes Programm bot. Sonntage verbrachte ich im Opernfoyer, ich habe mehrere Uraufführungen miterlebt, Saisoneröffnungs-Tage überstanden, lernte Persephone kennen und lieben. Ich habe drei Jahre für das Orchester gebrannt – nicht, weil ich es musste, sondern weil es Spaß machte, weil ich Klassik liebe, weil ich finde dass man Klassik vermitteln muss – und diese Begeisterung für die Musik wird bleiben weil sie Teil meiner Persönlichkeit ist. Ich habe gebrannt weil ich Kulturliebhaber bin. Dass das Blog dichtgemacht werden sollte wußte ich, aber ich habe nicht auf Sparflamme geschaltet sondern bis zum Schluss das Beste gegeben. Die Begründung zur Schließung heißt, man wolle sparen. Knapp 1075 Fans auf der Facebook-Fanseite – kann man sich sparen. Die Twitter-Follower – die kann man sich auch sparen. Für was man aber dann das Potential einsetzen möchte, das man gespart hat – das ist eine Frage, die ich mir und die ich auch anderen nicht beantworten kann. Und eine letzte Frage bleibt: Tut es der Stadt gut, dass ein Blog das dafür sorgte, dass sich mehr Menschen mit dem Orchester identifizierten nun geschlossen ist?

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4 Gedanken zu „Das Ende eines langsamen Todes

  1. ‚Wir müssen sparen – deshalb wird alles heruntergefahren, was nicht direkt in klingender Münze resultiert‘. Der Buchhalter/BWLer-Ansatz – und dabei tendentiell noch eher erstere, denn der BWLer hat zumindest einmal Verständnis gehabt für Phänomene wie Kundenbindung und Öffentlichkeitsarbeit. Auch wenn das die meisten BWLer nach dem Abschluss schnell wieder vergessen.

    Dass gerade diese nicht in Euro und Cent auszudrückenden Ergebnisse (hier: Leute für das Orchester interessieren, neue Konzertgänger finden, Leute über ein vermurkstes Konzert – wenn es das mal geben sollte – hinwegtrösten, Akzeptanz auch in bildungsferneren Schichten…) für den längerfristigen Fortbestand heutzutage unumgänglich (Politiker würden sagen: ‚alternativlos‘) sind, wird von ihnen leider allzu oft übersehen. Und dann wundern sie sich, wieso andere es – bei scheinbar gleichen Voraussetzungen – so viel besser machen.

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