Pergamon – die Terassenstadt

Dieser Beitrag ist Teil der Dokumentation einer Expedition nach Pergamon.

„Geliebter Phineas,

das Wichtigste zuerst: Unserem gemeinsamen Freund Neandros geht es gut und er lässt dich herzlich grüßen. Ich kann berichten, dass die Obhut der Asklepios-Priester ihm gut getan hat, der Heilschlaf hat seine Wirkung nicht verfehlt. Und aus diesen Zeilen kannst du ersehen, dass ich wohlbehalten angekommen bin. Wie schade, dass du, Phineas, zu Hause bleiben musstest – nun musst du halt meine Briefe und meine Lobgesänge über diese wunderbare Gegend ertragen. Und wunderbar ist diese Gegend tatsächlich. Vielleicht würdest du jetzt anmerken, dass du nichts Wunderbares an lauter Bergen und Geröll, bewachsen mit Buschwäldern, dornigen Halbsträuchern und Eichen finden würdest – aber doch, Phineas, lass dir gesagt sein: Diese Landschaft hat ihren eigenen Reiz. Bei meiner Wanderung durch das Kaikos-Tal, wenn die Sonne sich auf dem Wasser des Flusses spiegelt, wandte ich oft meine Augen hinauf zu den Bergen – ein andächtiges Gefühl war dann in meiner Brust und oftmals betete ich still zu Zeus, dem Göttervater.

Doch genug von meinen Schwärmereien – du kennst meine Vorliebe für die Natur ja nur zu gut – und zu meinen weiteren Plänen. Noch eine Nacht werde ich hier Neandros Gesellschaft leisten, dann jedoch drängt es mich hinauf zur Stadt, nach Pergamon. Viel habe ich schon über den Altar dort reden hören, jetzt muss ich ihn auch einmal sehen. Neandros berichtete zudem, dass der Tempel, der unter Kaiser Trajan begonnen wurde, sich der Vollendung naht. Diesen soll man jetzt schon von weitem sehen – eine Eigentümlichkeit der Stadt ist nämlich, dass diese sich terrassenförmig den Berg hinab erstreckt…“

Was Kyriatris, unser fiktiver Briefschreiber des 2. Jahrhunderts nach Christus hier wohl meint, ist die Tatsache, dass der Tempel, der unter dem römischen Kaiser Trajan begonnen und wohl unter seinem Nachfolger Hadrian vollendet werden wird, schon von weitem sichtbar ist. Vermutlich wird Kyriatris, dessen Sorge um die Gesundheit seines Freundes ihn zuerst in das Asklepios-Heiligtum weit draußen vor Pergamon führte, sich dort von den Strapazen der Reise ausgeruht haben. Es kann sein, dass unser Freund eine längere Bildungsreise eingeplant hatte und Milet, Ephesos und Smyrna besuchte um dann auf dem Kaikos hinauf nach Pergamon zu segeln. Das Anpreisen der Devotionalienhändler, die Abbilder von Händen, Fingern, Füßen oder anderen verwundeten Gliedmaßen anbieten, wird auf den übermüdeten Reisenden laut und aufdringlich gewirkt haben. Kranke, die auf Heilung hoffen, Gesunde, die mit ihren Votivtafeln die Segnungen des Asklepios – und dessen Priester – preisen – nein, nicht unbedingt das Richtige für eine Reise nach Pergamon, dem Sitz der Kultur.

Politisch hatte Pergamon zum Beginn des 2. Jahrhunderts schon längst keine Bedeutung mehr, war Teil der römischen Provinz Asia geworden. Das römische Weltreich erreichte im 2. Jahrhundert nach Christus seine größte Ausdehnung – vom Persischem Golf bis zum Atlantik, 100 Millionen Menschen Menschen wohnten, lebten und arbeiteten hier. Attalos III., der von 138 bis 133 v. Christus regierte, hatte in seinem Testament das Pergamonische Königreich den Römern vererbt. Die Übernahme war zwar mit einigen Reibungen vor sich gegangen, im Großen und Ganzen aber war Pergamon nur noch eine Metropolis unter vielen. Kulturell aber ist Pergamon im 2. Jahrhundert nach Christus alleine durch den Bau des Trajantempels, bei dessem Bau sich Kaiser Hadrian als Architekt wohl eingeschaltet haben mag, immer noch von Bedeutung. Kyriatris wird bei seinem Rundgang durch die Stadt den Eindruck einer wohlhabenden Metropole erlebt haben.

Hoffen wir, dass Kyriatris ein ausdauernder Mensch gewesen ist, aber selbst dann wird er des öfteren über die Lage der Stadt geflucht haben – die Hauptstraße, die sich mäandernd den Berg hinaufschraubt, die zahlreichen verwinkelten Gassen und Treppenstufen, ja, sogar zwei Märkte hatte Pergamon: einen Oberen und einen Unteren. Ab und an kommt es vor, dass in den engen Straßen keine zwei Esel mit Lasten auf den Rücken vorbeikommen – den Streit darüber, wer denn jetzt zurückweichen muss kann Kyriatris noch meterweit hören. Ächzend, stöhnend und schnaufend wird er sich am Stadtbrunnen erfrischt haben, ganz in der Nähe des Gymnasions.

Für die Stadtgeschichte an sich wird sich Kyriatris nicht interessiert haben. Ihm genügt es, dass es eine Oberstadt und eine Unterstadt gibt. Und dass der Weg verdammt weit ist bis nach oben. Immerhin: Die Mühe lohnt sich. Dort oben ist das kulturelle Zentrum – die Bibliothek, der Große Altar, das Trajaneum, das Theater, der Dionysos-Tempel. Die Herrscher von Pergamon sammelten übrigens Kunst wo sie nur konnten und einige von ihnen waren sogar als Autoren durchaus bekannt. Insofern war Pergamon politisch tatsächlich keine Größe mehr – aber für Kulturliebhaber war Pergamon das antike Mekka der Kunst. Kein Wunder daher, dass in dieser Stadt das Pergament erfunden wurde. Kyriatris geht hier das Herz auf: Nicht nur, dass der Fries des Großen Altars ein überwältigendes Kunstwerk ist, auf dem die Geschichte des Kampfes der Olympier gegen die Giganten erzählt wird – und bei dem Herakles eine große Rolle spielt, dessen Sohn Telephaos ja wiederum Pergamon gegründet haben soll – die Bibliothek allein enthält an die 200.000 Buchrollen und der im Bau befindliche Trajan-Tempel erst…

Die Mühe des Aufstiegs hat sich für Kyriatris gelohnt. An einem der zahlreichen Straßenläden kauft er Brot und Wein, wird sich in eine Exedra gesetzt haben, einen Raum mit Sitzbänken – und die Landschaft genossen haben. Es sei ihm gegönnt – wenngleich Kyriatris natürlich noch längst nicht alles gesehen hat, was die Stadt zu bieten hat. Aber das, das wird unser fiktiver Freund bestimmt auch noch in den nächsten Tagen nachgeholt haben. Auf seinem Programm steht als nächstes jedenfalls die Akropolis der Stadt.


Advertisements