Smog

Als ich ein Kind war – meine Güte, ich höre mich jetzt schon an wie der Opa aus der Bonbon-Werbung, aber so ist das – als ich ein Kind war gabs genau die Stimmung, die heute wieder da ist. Diese „Oh mein Gott, wir werden alle sterben“-Phase. Na schön, damals war es noch viel, viel schlimmer, heute ist das ja eher einer „Oh mein Gott, wir werden alle sterben, aber lasst uns erstmal über Knut trauern und DSDS zu Ende gucken“-Stimmung gewichen. (Knut. Also echt.)

Als ich ein Kind war, war ich felsenfest davon überzeugt, dass der Wald in zehn Jahren komplett sterben würde. Horrorbilder mit abgestorbenen Bäumen liefen damals en masse über die Bildschirme und natürlich gabs noch ein fieses, böses Nachrichtenwort damals: Smog. Der Smog genauer gesagt. Gut, wenn man nicht unbedingt im Ruhrgebiet wohnte, hatte man nur die Bilder vor Augen, so schlimm war das in meiner Heimatstadt nicht, aber felsenfest war man überzeugt: Großstädte, da geht man demnächst nur noch mit Atemmasken aus dem Haus. (Falls jemand John Brunner gelesen hat, bei dem es richtige Bars mit gesunder Atemluft gibt – ja, genau so.)

Als ich ein Kind war gabs Tschernobyl. Ich erinnere mich daran, dass man beim Supermarkteinkauf möglichst nur die Dosen kaufte, die vor dem Datum verpackt worden waren. Und überhaupt, was konnte man denn eigentlich noch essen damals? Frisch gesammelte Pilze? Na, besser nicht, man wußte ja nie. Täglich dann in den Nachrichten und im Radio den Verlauf der Wolke nachvollziehen – sauerer Regen? Nein, verstrahlter Regen, davor hatte man Angst. Und überhaupt, diese Atomkraft – ja, irgendwie wußte ich dass die gefährlich ist, aber Chemie-Grundkurs war noch weit entfernt.

Als ich ein Kind war gabs eine Menge, wovor man Angst haben konnte. Und heute? Ja, um den deutschen Wald steht es immer noch nicht so zum Besten, aber das Thema Waldsterben steht nicht mehr auf der Agenda. Es gibt ihn immer noch. Überhaupt scheint das mit dem Waldsterben ja wohl eher so mythisch gewesen zu sein.

Und der Smog? Dank Katalysatoren und weniger Schadstoffemissionen – und wohl auch durch den Wandel im Ruhrgebiet weg von Stahl und Kohle hin zur Dienstleistung – in Deutschland völlig unbekannt heutzutage. Woanders vereinzelt noch zu finden, vor allem in Großstädten. Wir aber, die wir hier Angst hatten, wir haben den nicht mehr vor uns.

Und Tschernobyl? Wer weiß, wie lange da der Beton noch hält, der damals gegossen wurde – die Spätfolgen sind schlimm und werden es auch immer bleiben. Seltsamerweise hat das aber nicht dazu geführt, dass sich irgendwie die deutsche Bevölkerung komplett von AKWs distanziert hätte – das hat man dann den Grünen überlassen. Und ging zur Tagesordnung über. Das wird man vermutlich auch nach Japan tun oder schön schauern, wenns im Jahresrückblick erwähnt wird.

Und heute? Heute haben wir andere Dinge, die uns Angst machen oder mit denen uns Angst gemacht wird. Und nachdem ich das Waldsterben überlebt habe bin ich generell immer skeptisch, wenn jemand versucht uns Angst zu machen. Ja, die Klimaerwärmung ist Realität und ganz schlimm – aber sie wird vermutlich nicht so schlimm sein, wie man das jetzt voraussagt. Zur Erdung kann man ja immer mal wieder in „Die Grenzen des Wachstums“ einen Blick werfen – bei etlichen Dingen lag der Club of Rome nämlich total daneben. Gut zu wissen.

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9 Gedanken zu „Smog

    1. Keine Frage – aber die Betonung lag in den 80-gern auf „ALLE“ und dann gabs den Unterton, dass das sofort morgen passiert. Für alle. Sofort halt.

  1. „Ja, die Klimaerwärmung ist Realität und ganz schlimm – aber sie wird vermutlich nicht so schlimm sein, wie man das jetzt voraussagt.“

    Leider wird sie vermutlich viel schlimmer, als das jetzt in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Verdrängung und Verharmlosung allerorten. Die übertriebene Darstellung des Waldsterbens in den 80ern ist keine Garantie für eine Übertreibung der Gefahr des Klimawandels. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Die wissenschaftliche Community verzweifelt nicht ohne Grund an der trägen Öffentlichkeit und Politik bei dem Thema.

    1. Mir hat man damals erzählt, dass ich als Erwachsener keinen deutschen Wald mehr kennen würde weil es den dann bestimmt nicht mehr gäbe. Allenfalls noch so kleine Randgebiete oder so – von daher bin ich, was drastische Schwarzmalereien betrifft skeptisch.

      1. Ja wie gesagt, was damals beim Thema Wald fälschlicherweise behauptet wurde hat überhaupt keine Beweiskraft beim Thema Klimawandel. Es gibt hier keine Schwarzmalerei, es sieht nur danach aus, weil der Stand der Forschung wirklich dramatisches vorhersagt. Dein „common sense“-Ansatz führt Dich in die Irre. Es gibt genug gute Seiten im Netz, die wissenschaftliche Erkenntnisse allgemeinverständlich aufbereiten. Man muss sie nur lesen.

  2. Ehrlich gesagt erinnert mich deine Einstellung auch eher an das bekannte „Et hätt schon immer jot jejange!“. Solange einem selbst in Mitteleuropa das Wasser noch nicht bis zum Hals steht und die radioaktive Wolke am Pazifik bleibt, kann man diesen Spruch mit einem Kölsch in der Hand natürlich noch leichtfertig sagen.

    1. Nun ja – mag sein, dass es so klingt. Allerdings ist es auch eine Erfahrung, dass wir das, was wir fürchten uns weitaus schlimmer vorstellen als es letzten Endes tatsächlich ist.

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