Mit dem Polylog wider die latente Passivität

Wenn man den Bock zum Gärtner macht, dann kommen Floskeln wie diese raus:

Ein Polylog sei „ein fundamental kokreativer Prozess“, steht auf der Tafel hinter Professor Hartz zu lesen.

Stand bei einer Veranstaltung der CSU in Bayern berichtet die SZ. Sieht ja ganz nach einem Fall von Rehabilitierungshilfe aus. Denn schließlich war da doch – richtig – da war doch ein Urteil. Siehe Stern-Artikel von 2007:

Das Landgericht Braunschweig verurteilte Peter Hartz am Donnerstag im ersten Prozess der VW-Schmiergeldaffäre wegen Untreue und Begünstigung von Betriebsräten zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung sowie einer Geldstrafe von 360 Tagessätzen – dies sind gemessen an den Einkünften von Hartz umgerechnet 576. 000 Euro. Hartz hatte dem einflussreichen früheren VW-Betriebsratschef Klaus Volkert Sonderzahlungen in Millionenhöhe zugeschanzt und ihn damit „gekauft“.

Ein verurteilter Politiker wird also von der CSU wieder an Bord geholt, damit er also seine Gesetze – reformiert? Umschreibt? Wissenschaftliche Feldversuche unternimmt? Arbeitslose als Versuchskaninchen? So ungefähr das hat der werte Herr wohl vor. Was genau – schleierhaft. Denn was man bisher von seinen Thesen zur Reform seiner Reform vernimmt hat weder Hand noch Fuss. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass da jemande drei Runden Bullshit-Bingo gespielt hat, noch ein wenig kreativ war und alles zusammengerührt präsentiert. Es ist natürlich – warum auch – nicht im Netz zu finden, aber das was man bisher so hört macht genau den Eindruck.

Falls jemand seinen Orwell nicht gelesen hat wird auch nicht wissen, dass Wörter Realitäten schaffen können. Mit Kunstwörtern kann man dabei lustig bunte Realitätskonstrukte erstellen, denn außer dem Erfinder weiß keiner was diese zu bedeuten haben. Dass man damit auch Eindruck schinden kann ist keine Frage. So ist die Frage, was ein „Polylog“ eigentlich sein soll durchaus berechtigt. Ein „kokreativer Prozeß“. So, so. Was nun alles heißen kann. Kokreative Prozesse entstehen dort wo Menschen zusammenarbeiten – wo Ideen ausgetauscht werden – eigentlich. Laut dem SZ-Artikel scheint Herr Hartz sich vorzustellen, dass Langzeitarbeitslose unter der Anleitung von Fachleute wissen vermittelt bekommen. Kennt man: Nennt sich Weiterbildung. Schlicht und einfach.

Wobei: Polylog ist auch lustig wenn man das mal auseinandernimmt. Poly = Viel, so wie in Polyphonie etwa. Und Logos = Wort. Das Wort Log könnte auch noch die Abkürzung für Logbuch sein – oder für irgendwas anderes, was Herr Hartz sich zusammenerfand. Ich tendiere aber eher zum Vielwort – das passt so schön zu dem Ganzen. Aber solche Worterfindungen sind ja Tradition bei Herrn Hartz. „Job-Floater“, „Bridge-System“ – klingt erstmal gut, aber weiß heute noch jemand genau was die bedeuten sollten, damals, als der gute Herr Hartz diese Beste aller Gesetzeswelten schuf? (Dass Polylog übrigens mal eine ARD-Sendung war…)

Die eigentlich Kernvorstellung scheint zu sein: Soviele Langzeitarbeitslose wie möglich raus in die Selbstständigkeit. Nachdem man sich aufopferungsvoll um sie gekümmert hat. So wie bei der ARGE und wir wissen doch wie optimal da die Förderung ist. Lasset uns also, Brüder und Schwestern, den Nächsten in die Selbstständigkeit und in die prosperierende Wirtschafslage entlassen auf dass er eine Marktlücke entdecken möge – Ich-AG reloaded meets Wirtschaftsloge gedownt. Dass dann die meisten eh wieder über kurz oder lang im System landen werden weil nicht jeder zum BWLer geboren ist bzw. weil nicht jeder ein Konzept hat das in der Selbstständigkeit trägt – geschenkt. Erstmal: Zahlen runter. Genau. Macht sich ja immer gut.

Dass zum Schluss nur zu schreiben bleibt, dass die „latente Passivität“ schon mal ein Kandidat fürs Unwort des Jahres ist – das ist einsehbar. Nicht so ganz einsehbar ist man dem Mann ein Forum gibt. Hat er nicht schon genug Schaden angerichtet?