Es gibt nichts Neues unter Sonne oder die Medien lernen das nie

Es muss um das Jahr 2004 gewesen sein. Der September kam über das Land und es war die Zeit in der Blogs in Deutschland so richtig groß wurden. Aber so richtig. Der neue Trend schwappte über den großen Teich und Bloggen wurde auf einmal für jeden machbar – ohne dass man kryptische Trackbacks per Hand nachgeklöppelt ins eigene Blog packen musste. Ja, es war der September, es war Frankfurt, es war die Zeit der „NEWS Frankfurt“.

Die „NEWS Frankfurt“ war etwas, was man großzügig als Zeitung hätte bewerten können. Eines dieser Tabloid-Formate. Nicht vom Inhalt her, nein, nein, nein, von der Form her. Das war eine Zeitlang schick, das Verkleinern der Zeitungsseiten – heute gibts noch die WELT Kompakt in diesem Format. Und vielleicht wird sich der Ein oder Andere auch noch an den Zeitungskrieg in Köln erinnern – als die Stadt überflutet wurde mit Gratiszeitungen in diesem Format. Dies könnte aber auch erst ein Jahr später passiert sein, ich bin über 30, da scheint desöfteren schon die goldene Sonne über gewisse Erinnerungen.

Jedenfalls: Die „NEWS Frankfurt“ arbeitete damals mit 20six zusammen. Kennt ihr nicht? Macht nichts, müsst ihr auch nicht kennen, das war so ein Bloghoster. Der ist dann später fusioniert, was den Usern damals gar nicht so gefallen hat. Die „NEWS Frankfurt“ nun machte folgendes:

Erfahrene Blogger stellen mit 20six und myblog.de für NEWS täglich interessante Diskussionsbeiträge in deutschsprachigen Weblogs zusammen

Ja – richtig – Myblog.de gabs damals ja auch noch. Vier Jahre sind im Web wirklich eine Ewigkeite. Jedenfalls: Immer auf Seite 13 druckte die „NEWS Frankfurt“ – Bloginhalte. Jawohl: Die „NEWS Frankfurt“ – ein Herr Madzia war damals da Redakteur mit dem ich später im Blog noch lustige Diskurse führte – fing unter dem Zitatrecht Blogeinträge ein und druckte die ab. Zitat von Don aus den Kommentaren damals:

“Die Einträge werden von erfahrenen Bloggern recherchiert und zitiert, die Blog-URL des jeweiligen Autoren wird sowohl in der Printausgabe genannt.” – dann ist da von Zitat die Rede, aber nicht von bezahlt, honoriert, oder so. News mach sein Geschäft damit; 20six als Firma ist auch genannt – wo bleibt der Anteil für duie Blogger? Kriegen die Zeilengeld? Wenn nein, warum nicht?

Als ich vorhin schrieb, dass ich damals mit Herrn Madzia einen Diskurs im Blog hatte – das damals noch ein scheußlich orangenbuntenes Layout hatte, das gibts so in dieser Form auch gar nicht mehr glaube ich, archive.org hats jedenfalls nicht gespeichert oder ich finds da nicht ;-) – dann kann man einen Schluss daraus ziehen. Richtig. Auch von mir druckte die „NEWS Frankfurt“ ungefragt und ungebeten eine Äußerung ab.

Es geht darum, dass ich an meinen Texten ein Urheberrecht habe. Dass die NEWS mich nicht gefragt hat, ob sie das Zitat verwenden darf und mir auch nicht Bescheid gesagt hat, dass sie das dann und dann in der und der Ausgabe bringen wird. Und das empfinde ich selbst in meinem Fall, wo ich im Weblog den BAFF-Sprecher Martin Dembowski zitiert habe als äußerst, äußerst unhöflich. Punkt. […] Ich habe nichts dagegen, in welcher Form auch immer zitiert zu werden, solange es nicht kommerziell verwertet wird. Was diesmal einfach nicht geschehen ist. Wie gesagt, für mich ist das momentan genauso schlimm, als würde jemand eine Kurzgeschichte von meiner Homepage klauen und Geld für die kassieren. Punkt.

Zeilengeld? Was für Zeilengeld? Nie gesehen. Konnte sich die „NEWS Frankfurt“ auch gar nicht leisten erfuhr man dann:

Wie schon bei ihrem ersten in diesem Jahr gegründeten Tabloid Â?20 CentÂ? in Cottbus bezahlt die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck die 20 Â?NewsÂ?-Redakteure unter Tarif. Holtzbrinck-Spitzenmanager Michael Grabner begründete diesen Schritt gegenüber FOCUS mit Â?neuen verlagswirtschaftlichen Modellen, die erst den nötigen Experimentierspielraum schaffenÂ?

Der Link geht nicht mehr, leider, aber ich denke man kanns im FOCUS-Archiv nachrecherchieren – und entschuldigt diese komischen Umlaute… Jedenfalls: Ich war angesäuert, setzte mich mit Herrn Madzia auseinander und schließlich zuckte ich mit den Achseln. Was sollte es auch? „NEWS Frankfurt“ – als ob die wichtig wäre. Ich bin schon von weit wichtigeren Tageszeitungen zitiert und erwähnt worden – doch, doch, Süddeutsche, Artikel übers Podcasting damals, 2004 so auch, da stehe ich namentlich drin, oh ja – ich habe meine 15 Minuten wiederholt gehabt.

Na ja – die Blogosphäre war damals NOT AMUSED:

nicht nur stammen die blogs, auf die hier verwiesen wird, von den kostenlos-anbietern 20six und myblog, die von seiten der haute volée des blogging in deutschlands wohl eher gering geschätzt werden – was nicht zuletzt an der dort recht hohen zahl von pubertätsblogs liegen mag. nein, wie man einem blogeintrag von nico wilfers entnehmen kann, tritt nicht nur plasticthinking-moe hier als „autor“, will sagen: feed-aggregator auf, sondern auch lyssa und herr wilfers selbst.

Aber nicht nur die:

Was „News“ als seine Stärken anpreist, findet sich heute in jeder Lokalzeitung: „Elemente aus dem Magazin-Journalismus“ etwa, Internet-Adressen unter den Artikeln, Service-Kästen. „Neu erschlossen“ ist angeblich auch die Zielgruppe, von „News“ als „iPod-Generation“ bezeichnet; es handelt sich indes nur um die üblichen, mit Etiketten längst zugepflasterten mobilen, gutverdienenden Zwanzig- bis Neununddreißigjährigen, um die nahezu jedes Medium buhlt. […] Wer auf Jobsuche ist, könnte freilich bei „News“ selbst mal vorbeischauen: Den jungen Leuten nämlich, die das Blatt auf der Straße verkaufen, wird in Aussicht gestellt, über verschiedene Schulungen und Praktika eines Tages zum Redakteur aufzusteigen.

Warum nun wärme ich diese alte Geschichte auf? Weil die Medien offenbar nichts lernen. Denn kaum ist mit Twitter ein neues Web2.0-Spielzeug auf den Plan getreten fangen Zeitungen wieder fröhlich an irgendwelche Tweeds auf die Seite zu klatschen. Ich vermute mal, dass Einige aus der ganzen „NEWS Frankfurt“ Geschichte etwas gelernt haben. Aber warum nur, warum nur drängt sich mir der Songtext der Byrds auf, die auf das Alte Testament zurückgriffen und davon sangen, dass „es nichts Neues unter der Sonne gibt?“

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Ein Gedanke zu “Es gibt nichts Neues unter Sonne oder die Medien lernen das nie

  1. Ich habe die Aufregung damals nicht verstanden. Diese komische Zeitung hat nichts Illegales getan und alle regen sich auf.
    Sonst jammern viele Blogger rum, dass sie von den etablierten Medien nicht ernst genommen werden – und wenn das mal einer tut, gibt es gleich Theater.

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