Tagesarchiv: 22. August 2010

Pratchett annotiert – Die Wahl der Freiheit

Die in unregelmäßiger Reihenfolge erscheinenden Annotationen nutzen als Grundlage die Taschenbuch-Ausgabe von „Going Postal“ aus dem Jahr 2004, erschienen bei Corgi-Books. Heute widmen wir uns den Seiten 21 – 33 des ersten Kapitels „An Angel“.

Was man schon beim letzten Mal erwarten konnte – natürlich stirbt unser Held nicht auf den ersten Seiten des Romans. Wenn er das getan haben würde, hätten wir einen Überwald-Roman vor uns. Vampire und Zombies aber hatten wir schon bei “Carpe Jugulum” mit den Hexen. Diese spielen hier also keine Rolle. Nun, zumindest ein Vampir wird ab und an im Roman nochmal auftauchen, jemand der viel mit Licht hantiert. Auf den nächsten Seiten geht es aber erstmal ins Intime bevor wir dann einen Ausritt machen werden.

Das kleine kammermusikalische Zwischenspiel erlaubt Pratchett erstens den Lesern, die ihn nicht kennen, nochmal Lord Vetinari vorzustellen. Den Mann, der Ankh-Morpork regiert anstatt eines Königs – schließlich hat man diesem früher mal einen Kopf kürzer gemacht. Vetinari ist der Partizier – einer, der allerdings längst über das Wissen des “Fürsten” von Macchiavelli hinaus ist. Für eine Überraschung gut. So wie jetzt als er ausgerechnet Moist den Job anbietet, das Postamt wieder auf Vordermann zu bringen. Das scheint in erster Linie seine Intention zu sein, aber Pratchett lässt in diesem Dialog auch noch etwas Anderes einfließen – das Nachdenken über Freiheit.

Nachdem Moist die Option, den Raum durch die Tür zu verlassen geprüft hat gibt es eine Passage von Vetinari, die durchaus nachdenkenswert ist: Ja, er glaube an die Freiheit. Was nicht viele Leute tun würden, obwohl sie – würde man sie darauf ansprechen – natürlich beteuern würden, sie wären für die Freiheit. Aber: Keine Definition von Freiheit wäre komplett ohne die Freiheit, sich für die Konsequenzen zu entscheiden. Oder vielleicht etwas genauer: Die Freiheit der Konsequenzen auf sich zu nehmen. Das, fügt Vetinari hinzu, sei überhaupt diejenige Freiheit auf der alle anderen aufbauen würden. Darüber könnte man mal nachdenken…

Moist wählt nach diesem Kammerspiel die Freiheit, seine Version der Freiheit sozusagen, in dem er aus der Stadt verschwindet. Mit den üblichen Methoden eines Schwindlers, Betrügners und Lügners. Vielleicht hätte er Lord Vetinari mal besser fragen sollen wer dieser Parole-Officer denn nun ist. Kräftige Stimme. Überaus große Kraft. Klar, das kann nur ein Golem sein. Bekanntester Vertreter dieser Gattung bei Pratchett ist der Golem Dorfl von der Wache. Wer ein wenig weiterdenkt könnte sich jetzt schon fragen, wie das bei Golems eigentlich mit der Freiheit ist – dazu aber später. Die ganze Szene erinnert übrigens stark an Physical-Comedy-Szenen a la Laurel und Hardy – vor allem wenn der Golem dauernd beteuert, dass er ja nur die besten Absichten habe, Lipwig aber permanent nach einem Ausweg sucht. Und die Idee, ein Pferd analog eines Autos mit einer Kralle zu versehen…

Wie der letzte Abschnitt auf Deutsch gemacht ist, das ist die Frage. Vermutlich wird Andreas Brandhorst hier einen anderen Buchstaben zum Ersetzen gefunden haben. Auf Englisch korrigiert Moist nämlich den Golem: “A v not a w.” Zumindest bei seinem echten Nachnamen möchte Moist ein wenig Ehrlichkeit haben. Prompt beginnt der Golem aber damit, alles Ws durch Vs zu ersetzen. Und damit wird er bis zum Schluss des Romans nicht aufhören.


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