In den nächsten Tagen werden wir viel über das iTab hören und lesen können und dabei wird vermutlich eine Menge Fanboy-Gemurmel sein, eine Menge „Android ist eh besser“-Rufen und „Boah, was für eine coole Applikation, das rettet das deutsche Verlagswesen“-Ausrufen. (Der Spiegel hat übrigens schon mal seine potentiellen Kunden mit dem Preis für die App verärgert, die höher ist als die Printversion. Guter Start der Old Media in New Channels…) Was man nicht hören wird ist die Frage, wie wir in Zukunft mit dem Internet umgehen werden – und ob das iTab nicht in die falsche Richtung weist.
Man verstehe mich nicht falsch: Ich als HTC-Tattoo-Benutzer mag Applikationen. Diese kleinen Programm sind bisweilen richtig nützlich, nützlicher als wenn ich Opera Mini aufrufen würde und die Webseite so bedienen müsste. Für den VRR beispielsweise sehen ich mir eine Applikation für Android herbei, vielleicht habe ich sie nicht gefunden aber die Webseite mit dem Browser bedienen zu müssen um eine Abfahrtzeit zu erkunden ist wirklich ein gewaltiger Schmerz im Allerwertesten. Also nichts gegen Apps, da wo sie wirklich nützlich sind und einen Mehrwert bieten.
Ich sehe aber auch die Kehrseite dieses Systems: Wer darüber bestimmen kann was im Marketplace an Applikationen landet bestimmt auch unsere Sichtweise des Internets. Und bestimmt letzten Endes ein wenig auch unsere Sichtweise der Realität. Apple ist da besonders strikt – was denen nicht in den Kram passt wird nicht in den Store gepackt. Punkt. Wie das bei Android aussieht ist eine gute Frage. Aber auch hier wirds Auswahlkriterien darüber geben, was gut und schlecht ist. Eine Porno-Applikation habe ich beim Android bisher nicht gesehen – nicht, dass ich sie brauchen würde und ich glaube auch nicht dass die Branche jetzt darauf setzt kleine Filmchen fürs Smartphone der Wahl aufzubereiten. Andererseits wenn ich mir den Unsinn ansehen, der bei VIVA desöfteren beworben wird…
Schon mit dem iPhone hat sich da eine Kluft aufgetan – eine Kluft zwischen dem browserbasiertem Zugang ins Netz, das Web 2.0 setzt bekanntlich öfters auf browserbasierte Dienste und dem Applikationen-Internet, bei dem man willig das nehmen muss was einem vorgesetzt wird. Und die Vergrößerung der Kluft kommt jetzt mit dem iTab – ebenso wie die Vergrößerung der Bequemlichkeit.
Sicherlich ist die vernünftige Lösung eine Mischung aus beiden Ansätzen – einerseits Browser, andererseits Applikationen. Aber für was nutzt man den Browser noch wenn man für alles eine App hat? Selbst für die Google-Suche? Was bequem ist, setzt sich durch und warum sollte ich Facebook in der mobilen Variante nutzen wollen wenn es eine Applikation dafür gibt? Je mehr und mehr ich mir auf das Smartphone schaufele, desto weniger werde ich den normalen Internetzugang brauchen – denn selbst für die Suche im Netz gibts das passende Programm. Und je mehr Applikationen wir als angenehm und nützlich empfinden, desto mehr hängen wir bei Apple oder Google oder wem auch immer am Haken. Das, was man als bequem empfindet wird man nicht wechseln wollen.
Vermutlich alles halb so schlimm. Vermutlich wird sich doch alles noch irgendwie einpendeln. Doch die Gefahr, dass man sich nur noch innerhalb eines Systems bewegt und dabei die Neugierde auf das Zufällige verliert weil man die passenden Dinge installiert hat – macht gerade nicht das Hyperlink-Surfen einen Großteil der Faszination des Netzes aus? – die sehe ich durchaus gegeben. Ich nehme da auch keinen Anbieter von aus, aber Apple fällt halt extrem mit dieser Disneyland-Neckermann-Philosophie aus – puritanisches Vergnügungsviertel im 21. Jahrhundert, wobei das Paradoxon zwischen Puritanisch und Verngnügen bei Apple halt einfach gelöst wird. Sex, Drugs und vielleicht demnächst auch noch Rock’n'Roll wird man bei Apple nicht finden. Nur: Wer denkt darüber schon nach?