Ich weiß momentan nicht ob ich depremiert sein soll oder eher niedergeschlagen. Da gibt es durchaus einen Unterschied: Depremierte sehen keinen Ausweg aus der momentanen Situation, Niedergeschlagene dagegen sind nur zeitweise im Dunkeln. Momentan schwanke ich noch etwas. Denn die Mehrheit – nein – moment – die Minderheit in unserer Demokratie hat entschieden, dass die Kanzlerin zusammen mit der Außenministerin Westerwelle die nächsten vier Jahre regieren wird.
Und wenn sich jetzt die Piraten selbstgefällig auf die Schulter klopfen weil sie ja immerhin 2,1 Prozent errungen haben – aktueller Stand beim Posten – dann halte ich denen entgegen: Verhindert habt ihr so gar nichts. Aber es ist natürlich auch bequemer Politik zu machen wenn man gar keine Verantwortung hat – und noch nicht mal in der Opposition im Bundestag sitzt. Es wird sich zeigen ob die Piraten in den nächsten vier Jahren Professionalität und Seriösität lernen und vor allem mal ein ordentliches Programm auf die Beine stellen. Oder anders gesagt: Es ist nicht gelungen die Zielgruppe so zu aktivieren, dass man die fünf Prozent erreicht hat.
Die SPD hat eine derbe Niederlage erlitten. Ein herber Absturz, ein Abstrafen der Politik der letzten Zeit. Es ist der SPD ebenfalls nicht gelungen ihren Kern zu aktivieren – das Problem dabei: Die SPD hat im Bund jedenfalls auch keinen Kern gehabt. Sondern wandelte die ganze Zeit auf dünner Kruste, die einen hohlen Boden bedeckte. Ich habe es der SPD nicht gewünscht, aber jetzt wäre es vielleicht doch an der Zeit sich auf das zu besinnen, was die Sozialdemokratie ausgemacht hat und den Schaden der Agenda 2010 – einer der Köpfe dahinter war schließlich Steinmeier – zu beheben.
Aber auch die CDU sollte ihren Kopf nicht zu hoch halten. Sie wurde ebenfalls derbe abgestraft – Traumergebnisse sehen anders aus. Es reicht für Schwarz-Gelb. Aber für mehr auch nicht. 33 Prozent sind ein Schlag ins Gesicht, mögen das Rüttgers und Co auch das Ganze schön kleinreden damit, dass die Verluste nicht so groß seien wie bei der SPD. Verluste sind Verluste. Die CDU hat offenbar auch nicht ihre Stammwählerschaft rekrutieren können.
Das sieht bei der FDP anders aus. Was Leute dazu treibt in einer Wirtschaftskrise, die alles andere als ausgestanden ist und die noch etliche Jobverluste nach sich ziehen wird ausgerechnet die Partei zu wählen, deren Programm die Aushöhlung von Grundwerten ist – zudem – man sollte sich erinnern: Wir haben Massen von Kurzarbeitern im Land, die Abwrackprämie läuft aus und damit auch die wunderschöne Förderung der heimischen Industrie – auf der IAA bot sich ja ein desaströses Bild in der Hinsicht… Ich verstehe es nicht. Wer die FDP wählt, der hat dem Sozialstaat an sich eine Absage erteilt und darf künftig in der zweiten Klasse beim Arzt anstehen. Und wer glaubt, die FDP würde von der Leyen und Co. jetzt zurückrufen weil ja die Bürgerrechte so toll im Vordergrund sind, der wird geschlagen aufwachen.
Die Grünen – tja – die Grünen… Tja. Die Grünen. Nun. Die Grünen. Man merkt, so recht will mir nicht etwas einfallen. Es liegt vielleicht daran, dass ich die Grünen sowieso nicht im Bundestag gesehen habe. Trotz des New Green Deals. Ein Grund könnte sein, dass die Kernkompetenzen sich ein wenig auf die SPD verlagert haben. Viele Forderungen der SPD waren aus dem Schrank der Grünen entliehen – und trotz Klimakatastrophe ist das Thema Umwelt in der Wirtschaftskrise halt Beiwerk.
Gewinner des Abends sind ganz klar die LINKEN, die natürlich bei der SPD gewildert haben. Immerhin sind sie anders als die Piraten in der Opposition vertreten. Während die SPD sich auf ihre Kernkompetenzen besinnen sollte und muss – das wird im November ein interessanter Parteitag – haben die LINKEN aus meiner Sicht noch ein Problem mit sich selbst, das nach dieser Wahl aufbrechen wird. Falls jemand noch etwas mit Realos und Fundis anfangen kann – ja, genau, das waren doch die bei den Grünen – genau diese beiden Flügel werden jetzt Gysi und Lafontaine versuchen müssen unter einem Hut zu bringen. Wer sich an die heftigen Auseinandersetzungen bei den Grünen erinnert – na, das kann interessant werden bei den LINKEN.
Na dann: Willkommen bei den Sith… Es kann ja nur besser werden. Allerdings wird das mit der Neuen Hoffnung noch etwas dauern. Jetzt erstmal Landtagswahl NRW im Mai.