Im Internet gar schafft man sich sogenannte „Community-Funktionen“, mit denen „von Leser zu Leser zu Journalist zu Blogger zu Journalist und wieder zurück“ kommuniziert werden soll, und zwar, wie sich von selbst versteht, „auf Augenhöhe“.
So stehts recht süffisant formuliert beim DLF, der recht ausführlich über den Relaunch der Wochenzeitung DerFreitag berichtete. Man mag mich jetzt einen Skeptiker schimpfen, ja, man mag mir vorwerfen ich würde DemFreitag keinen Welpenschutz gewähren – die sind doch noch Beta, da ändert sich bestimmt noch was, mag sein – aber ich fühle mich unangenehm an ein Projekt erinnert, bei dem diese Augenhöhe auch schon mal vor dem Start breitmundig verkündet wurde. Was übrigblieb waren uninteressante Blogs, Photoklickstrecken und Videos, die man nicht mal woanders einbetten konnte – vielleicht hat sich wenigstens letzteres geändert. Sprich: Markige Sprüche hatte man auch vor der Ankündigung des Portals „DerWesten“ gerissen – das Elend, das man bis jetzt im Netz findet hat einen dann schlagartig ernüchtert. (Und bis heute ist das Teil von der Usability her eine Katastrophe, aber das habe ich ja schon des öfteren angemerkt.)
Jetzt ist es nicht so, dass ich DemFreitag nicht alles Gute wünsche und ich hoffe, der Idealismus der Macher wird nicht durch die schnöde Realität gebrochen – aber was das großartige, fantastische Neue an dieser Webseite sein soll entzieht sich mir etwas. Nun, ich bin auch nicht die Zielgruppe, weil ich erstens den „Guardian“ kenne und schätze, zweitens weil ich bereits ein Blog besitze.
Da „DerFreitag“ eine enge Kooperation mit dem „Guardian“ einging hat man bei der neuen Webseite einige Elemente übernommen – wem das etwas breitere Farbenspektrum, das der „Guardian“ für seine Ressorts anbietet auf die Nerven geht kann sich freuen: „DerFreitag“ hat nur drei Farben übernommen. Blau, Rot und Gelb. Rot steht für die Community, ohne die heute ja kaum eine Zeitungswebseite auskommt und für Beiträge aus dieser. Die sollen ja „online besonders hervorgehoben oder in der gedruckten Zeitung veröffentlicht“ werden. Falls der Beitrag abgedruckt wird, soll ja auch ein Honorar bezahlt werden. Man darf gespannt sein wie hoch das sein wird. (Klingt irgendwie vertraut, oder?) Auch der Rest der Webseite ähnelt dem Aufbau des „Guardian“ – es gibt separate Blöcke, die mit Linien abgegrenzt sind. Übersichtlich ist es ja, aber neu? Spannend?
Tatsächlich finden sich Artikel aus der Community auf der Webseite wieder. Was schon mal ein netter Ansatz ist – fragt sich ob die dann auch gedruckt werden. Online und Print sollen ja gleichberechtigt sein. Nur: DAS hat man in den letzten Jahren von so vielen Projekten gehört, dass die Worte durchaus etwas bitter im Mund werden. Letztendlich nämlich bleibt von der Beteiligung der Community nicht viel übrig wenns wirklich um eine Mitbeteiligung geht. Zudem macht man meines Erachtens einen entscheidenden Fehler – zugegeben, das macht der „Guardian“ auch: Man muss sich anmelden um kommentieren zu können. Kann man machen. In vielen Blogs muss man sich mittlerweile registrieren um zu kommentieren und sicherlich ist, wenn man eine Wochenzeitung oder das Bildblog ist die Menge der Kommentare kaum moderierbar – siehe das Chaos, das bei DerWesten herrscht wo die Moderatoren ja kaum die Trolle im Zaum halten können. Dennoch ist es etwas merkwürdig bei einem Relaunch in der heutigen Zeit. Nun ja – andere Zeitungen haben ja übers Wochenende und zu gewissen Zeiten nun ganz einen Kommentarstopp angeordert. Insoweit…
Schaut man sich jetzt die Blogs an, so ist auch hier nichts Neues, Spannendes oder Aufregendes zu entdecken. Solide ist es ohne Frage, aber sonst? Sicher hat der „Guardian“ so etwas nicht – also Leserblogs. Allerdings scheinen sich bislang die Journalisten des DerFreitags auch nicht so direkt mit den Bloggern einlassen zu können oder zu wollen – mag sein, dass ich was übersehe, aber bisher habe ich da nichts gesehen. Ebensowenig bei den Leserkommentaren.
Was also bleibt unterm Strich? Das Einzige, was ich bisher gut finden kann ist die Einbettung der Community – zumindest online passt das. Ob die Verzahnung zwischen Print und Online funktionieren wird – das ist das einzig Spannende an dieser Webseite, die sehr wohl mit dem „Guardian“ verglichen werden kann. Nur: Der „Guardian“ ist für mich einfach die bessere Alternative, denn beim „Guradian“ sehe ich oben auf der Webseite, wann die letzten Artikel online gestellt wurden – und ich kann mir sicher sein, dass ich alle Artikel aus dem Print im Online-Angebot wiederfinde. Ebenso gibts im gedruckten „Guardian“ immer einen Hinweis auf die Online-Angebote und zumindest die am meisten kommentierten Artikel der Webseite. Ja, das könnte auch mehr sein, ich weiß – aber immerhin: Hier ist die Verzahnung schon fabelhaft vollzogen. Ob am Ende bei DerFreitag mehr bleiben wird als das obligatorische Abdrucken von Leserbriefen – man darf gespannt sein. Ebenso ob es wirklich gelingt Community-Artikel in die Printausgabe zu hieven. Ansonsten haben wir halt eine Webseite vorliegen, die sehr stark vom „Guardian“ beeinflusst ist – das muss nichts Schlechtes sein, übersichtlich ist sie ja immerhin wenngleich das Konzept mit den Farben auch nicht so ganz aufgeht momentan – denn zwischen dem dunklen Blau für eigene Inhalte und dem etwas lichterem für übersetzte „Guardian“-Artikel sehe ich nicht so den Unterschied. Nun: Das ist alles Beta. Sicherlich werde ich mir nach einiger Zeit die Seite nochmal ansehen. Aber interessant? Nein, interessant ist sie für mich nicht.