Nein, ich habe nicht überinterpretiert als ich gestern die Meinung unseres OBs bewertete. Schuld an der desaströsen Lage ist – welche Überraschung das aus dem Mund von Grünen und CDU zu hören – die SPD. Genauer gesagt, so in der RP zu lesen, habe man ja die desaströse Schuldenspirale von der SPD geerbt. Irgendwie klingt der Artikel so nach “Wir haben uns ja wirklich, wirklich, wirklich nach Kräften bemüht, aber wir sind ja wirklich unschuldig daran.” Verwiesen wird auf die Einsparungen die das Berger-Gutachten hervorgebracht habe. Man sei ja auf dem besten Weg gewesen. Genau. Das Berger-Gutachten – was war das eigentlich noch mal?
Im März 2006 erregte das Gutachten die Gemüter in der Stadt. Es gab zahlreiche Proteste. Denn das Berger-Gutachten sah, wenn man der Pressemitteilung der LINKEN von damals glauben darf folgendes vor um in der Stadt zu sparen:
Sowohl die Schließung von bis zu 7 Schwimmbädern,
Stadtteilbibliotheken, der Privatisierung des Klinikums Duisburg, Einsparungen bei der
Duisburger Verkehrsgesellschaft, Umstrukturierung des Immobilien Management Duisburg und
der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GEBAG führen zu einer noch stärkeren sozialen
Kälte.
Letzteres dürfte man wohl unterschreiben können, äußerte sich der Namensgeber des Gutachtens doch 2002 in der ZEIT folgendermaßen zu Zukunft Deutschlands:
Mehr Markt, weniger Staat durch Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung von Märkten. Das betrifft heute noch weitgehend staatliche Unternehmen für Finanzdienste, Energie, Verkehr, sonstige Infrastrukturdienste, also über 100 000 öffentliche Unternehmen in Bundes-, Landes- und Kommunaleigentum. Ergebnis wäre eine außergewöhnliche Dynamik durch mehr Innovation, eine Verbilligung des Angebots, die Ankurbelung des Konsums und somit mehr Wachstum und Beschäftigung.
Es kommt aber noch besser – im selben Artikel fordert Berger:
Die nächste Bundesregierung sollte – parallel zum europäischen Verfassungskonvent – einen “deutschen Konvent” einberufen, bestehend aus den 30 klügsten Köpfen des Landes, der Maßnahmen zur Erneuerung unserer politischen Entscheidungsprozesse vorschlägt.
Natürlich ist das Grundgesetz von 1948 mit seinen gewiss klugen “checks and balances” zustande gekommen, um ein neues Weimar und einen neuen Hitler für alle Zeiten auszuschließen. Aber ist die Zeit nicht reif, über unsere politischen Entscheidungsprozesse nachzudenken – nach fast 60 Jahren stabiler Demokratie in Deutschland?
Roland Berger könnte glatt das Vorbild für Schäubles Vorstoß zur Reform im Bundesrat gewesen sein. Kein Wunder, dass besonders Vertretungen von Arbeitslosen kein gutes Wort auf den Mann kommen lassen – siehe World Socials Web Site :
Den größten Einspareffekt – mehr als die Hälfte – könne man laut Roland Berger bei den Hartz-IV-Geld-Empfängern, also bei den Ärmsten der Armen erzielen, und das in einer Stadt mit fast 18prozentiger Arbeitslosigkeit und extrem hoher Armutsquote. Gleichzeitig fordert Roland Berger in der Presse die Verlängerung der wöchentlichen Arbeitszeit für die Beschäftigten aller Branchen.
(Dass Berger bei der Schröder-Regierung durchaus in hohem Ansehen stand sollte man allerdings auch nicht verschweigen.) Dennoch war man im Jahr 2006 beim Haushalt im Rat eher zögerlich, was die Umsetzung dieser Ideen anbelangte. Besonders der Zusammenschluss von IMG und GEBAG sorgte für Diskussions-Stoff. Das Duisboard-Forum zitierte einen damaligen NRZ-Artikel:
Ob mehr Ansporn zu höherer Vermittlung im Bereich des Arbeitslosengeldes II, ob Schließung von Stadtteilbüchereien und Schwimmbädern, ob weniger Pflegeausgaben oder die pauschale Senkung der Jugend- und Kulturausgaben: All diese Berger-Vorschläge sind noch nicht in puncto Umsetzung und Auswirkung analysiert.
Am 12. Januar 2006 – einen Monat vor dem oben zitiertem NRZ-Artikel – las man folgendes aus dem Rathaus:
Oberbürgemeister Adolf Sauerland: “Wir leben immer noch über unseren Verhältnissen. Nur wenn wir heute entschieden handeln, können wir morgen diese Stadt gestalten.” [...] Die Verwaltungsspitze und die Unternehmensberatung Roland Berger haben heute einen Konsolidierungsplan vorgestellt, der den städtischen Haushalt mittelfristig um etwa 50 Millionen Euro entlasten kann. Kern des Konzepts ist eine Anpassung der Ausgaben auf das Niveau vergleichbarer Städte in Nordrhein-Westfalen und möglichst kostendeckendes Wirtschaften bei allen städtischen Dienstleistungen. Ein Großteil der Einsparungen soll durch Effizienzsteigerungen der Verwaltung und eine Verdichtung des städtischen Leistungsspektrums erbracht werden. [...] Zu den einzelnen Maßnahmenpaketen zählt:
- Reorganisation des Sozialbereichs. Durch optimierte Arbeitsprozesse sollen Empfänger von Arbeitslosengeld II schneller vermittelt und Missbrauch vermindert werden. Zudem sollen Angehörige von Pflegebedürftigen bei der Heimauswahl umfassend beraten und die Kontrolle der Ausgaben bei der Heimpflege und der Grundsicherung erhöht werden. Dies soll Einsparungen von rund 16,5 Mio. Euro einbringen.
- Zentralisierung der Einkaufprozesse in der Stadtverwaltung. Bisher werden die meisten Leistungen dezentral beschafft. Eine Konzentration auf wenige spezialisierte Stellen würde die Einkaufsmacht erhöhen und Einsparungen bis zu 6,7 Millionen Euro erbringen.
- Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft, zum Beispiel im Rahmen eines Public Private Partnerships im Bereich der Sanierung und des Betriebes der Schulen (Einsparungen in Höhe von 15,6 Mio. Euro)
- An die demographische Entwicklung angepasster Rückbau städtischer Infrastruktur. Der Bevölkerungsrückgang ermöglicht Einsparungen bei Infrastrukturmaßnahmen in Höhe von bis zu 4,3 Millionen Euro.
Interessant zu lesen, dass man schon damals wußte dass man über die Verhältnisse lebte. Am 19. Januar 2006 nun hatte die Bezirksveraltung Rheinhausen folgende Bedenken, die sie an den Rat der Stadt richtete:
In der letzten Sitzung der Bezirksvertretung Rheinhausen (19. Januar 2006) hat die SPD Fraktion mit der FDP-bürgerlich-liberalen Fraktion und Herrn Achim Brendel einen Antrag als Tischvorlage eingebracht, in dem der Rat gebeten wird, die Vorlage bezüglich des Gutachtens der Unternehmensberatung Roland Berger nicht abschließend zu behandeln, sondern auch noch die Bezirksvertretungen im Rahmen ihres Anhörungsrechtes zu beteiligen, da in diesem Gutachten auch erhebliche bezirkliche Belange, wie Hallenbäder, Bibliotheken und Leistungen der Volkshochschulen sowie Schulen allgemein betroffen sind.
Mit der Lesung der Vorlage in der Ratssitzung am 23. Januar und deren Beschlussfassung wären alle Maßnahmen im Gesamtpaket festgeschrieben. Die Verabschiedung der Vorlage wäre dann über die Köpfe der Bezirksvertretungen und Fachausschüsse hinweg erfolgt.
Nochmal machte die LINKE sich gegen das Gutachten stark. Ihre Begründungen – ein wenig scrollen, das ist dann als DOC-Dokument sichtbar:
Fraktion Die Linke-Offene Liste zum Berger-Gutachten <!– @page { size: 21cm 29.7cm; margin: 2cm } P { margin-bottom: 0.21cm } –>
Bei der Vorstellung des Abschlußberichts von Berger wurde aus unserer Sicht deutlich, dass
-
viele Einsparbeträge eher Hochrechungen, Einschätzungen und Erwartungen sind, als belastbare Zahlen
-
Vergleichsrechungen mit anderen Städten, nach denen Duisburg z.B. bei Bädern, VHS und Stadtbibliotheken zu teuer sei, fragwürdig sind
-
Positive oder negative Synergieeffekte zwischen einzelnen Handlungsfeldern überhaupt nicht untersucht worden sind
-
Etliche Maßnahmen vorgeschlagen werden, z.B. Kürzungen im Bereich von Straßenbau, und -instandhaltung, nächtlicher Beleuchtung und Signalanlagen, Parkraumbewirtschaftung, Einschränkungen für straßenzerstörende Schwerlastverkehre usw., die durchaus begrüßenswert sind, aber von Politik und Verwaltung auch selbst hätten ausgearbeitet werden können. Dazu braucht man keine teuren Gutachter.
-
Prioritätensetzungen und Maßnahmen vorgeschlagen werden, die erst einer gründlichen Debatte über die Ziele der Stadtpolitik bedürfen. Dafür ist die Fa. Berger nicht gewählt worden.
Am 30.03.2006 meldeten sich dann die Grünen zu Wort als es um den Haushalt ging. In eine abschließenden Stellungnahme von Prof. Dr. Dieter Kanthel konnte man lesen und hören:
Obwohl also auch Entscheidungen hier im Rat den Strukturwandel in Duisburg beschleunigen können – wir müssen mit Augenmaß versuchen, die zukünftigen Entwicklungen abzuschätzen und dann sorgsam mit den städtischen Finanzen umgehen.[...] Und deshalb hat der Duisburger Rat zu Recht keine vollständige Handlungsautonomie mehr. Schon als Oberbürgermeister Adolf Sauerland vor eineinhalb Jahren von den Bürgerinnen und Bürgern neu in das Amt gewählt wurde, war dieses Debakel eingetroffen. Er trägt also nicht die Verantwortung dafür, dass dieser Zustand eingetreten ist, sondern er ist angetreten, um in dieser Situation für Duisburg das zu tun, was unter diesen Bedingungen noch getan werden kann. Und dazu gehört nach Auffassung meiner Fraktion zuallererst dafür zu sorgen, dass dieser Zustand so schnell wie möglich beendet wird.
So schnell wie möglich also wollte man weg von dieser Situation, dass Düsseldorf – wenn auch damals noch weniger streng als jetzt – über den Haushalt der Stadt wachte. Das war 2006 und sollte mit dem Berger-Gutachten – das in den nächsten Jahren auch noch ab und an erwähnt wurde – gelingen. Beenden wir für jetzt den Blick ins Jahr des 2006 mit der Frage, ob denn alle Anregungen des Berger-Gutachtens umgesetzt wurden. Ein Blick ins Protokoll der damaligen Sitzung – das Beschlussprotokol kann man sich als PDF herunterladen – zeigt, dass die Sparvorschläge nicht komplett umgesetzt wurden sondern nur zum Teil.
Man kann sich natürlich fragen: Ist es vielleicht nicht etwas zu billig jetzt den schwarzen Peter nur in eine Richtung zu schieben, wenn man schon 2006 wußte, dass man keineswegs generös mit den Finanzen umgehen sollte und man den “Zustand so schnell wie möglich” beenden wollte? Glücklicherweise ist das Berger-Gutachten nicht 1:1 umgesetzt worden – es wird aber in der aktuellen Debatte ins Feld geführt als Zeichen, dass man ja schon Willens genug war zu sparen, sparen, sparen. Richtig. Allerdings, wenn man sich das vom heutigen Standpunkt aus anschaut sind damals schon einige Weichen gestellt worden an deren Ende man jetzt im Jahr 2008 gefahren ist. Ob das Zitat “Schuld daran hat nur die SPD” denn da auch wirklich stimmt? Sollte man mal drüber nachdenken…