Wenn Journalisten Pauschalisten werden, dann passiert etwas sehr Seltsames: Die Wirklichkeit, die sie eigentlich als vierte Macht im Staate ja abbilden sollen – wenngleich jede Zeitungsseite und jede Nachrichtensendung nur ein Ausschnitt aus der Wirklichkeit sein kann; um ein Zitat abzuwandeln: Es ist schon immer wieder erstaunlich dass genauso viel passiert wie in eine normale Tagesschau-Ausgabe von 15 Minuten passt, aber lassen wir das mal jetzt – wird zwar abgepauscht aber bei diesem Transfer-Übergang passiert dann desöfteren eine Veränderung: Die Wirklichkeit an sich wird durch den Filter des Journalisten gesteckt und das abgepauschte Bild kann zwar mit ihr übereinstimmen, desöfteren aber erweist sich, dass dem nicht so ist. Gute Journalisten sollten eigentlich objektiv berichten – dass das wiederum nicht möglich ist weil selbst bei objektiver Berichterstattung immer das Ich des Journalisten dazwischenfunkt dürfte mittleweile auch klar sein. Dass das abgepauschte Wirklichkeitsbild zuweilen so krumm und schief ist, dass man das Original kaum erkennen kann ist dagegen leider immer mehr zu beobachten im heutigen Zeitalter des Pauschalismus, in dem Recherche dem drängenden Zeitdruck dreingegeben wird. (Denn wir wissen ja: Das Internet ist böse und überhaupt an allem Schuld. Auch ein abgepauschtes Bild…)
Insofern kann und sollte man auch zu Recht fragen, was um alles in der Welt Herrn Alihodzic bei dem Verfassen dieses Artikels über die Duisburger Bandbreite geritten hat – nicht, dass ich eine Antwort erwarte, wer liest denn schon Blogs von den Herren, aber dennoch: What the Frell? Man kann sich ja schon an der Überschrift fragen ob der Artikel an sich ernstgemeint ist – schließlich ist das ein Jandel-Zitat – aber nein, dem Herrn ist es Ernst mit diesem von pauschalen Urteilen vollem Artikel.
Man mag nun zur Duisburger Band die Bandbreite stehen wie man will, Musik ist immer eine Geschmacksfrage, aber schon zu Beginn hüpfen die Augenbrauen hoch: “Musikalisch recht uninteressant ist, dass am 15. August im Rahmen einer so genannten “Politpop-Nacht” – Untertitel des Schauspiels: “Liedermaching meets HipHop” – die Duisburger Band Die Bandbreite im Meidericher Kulturzentrum “Parkhaus” auftreten soll.”
Ah ja – musikalisch uninteressant. Sicherlich kennt Herr Alihodzic auch alle Bands die da auftreten und kann definitiv entscheiden ob seine Leser das uninteressant finden oder nicht. Als Musikkritiker kann er dann ja darüber genauestens urteilen nicht wahr? (Was er natürlich nicht kann, wie auch, wäre ja Bevormundung der Leser, das soll die Presse doch eigentlich nicht tun, oder? Ich vemute auch stark, der Herr ist nicht als Musikredakteur angestellt, aber das kann man ja schnell herausfinden. Dass der Herr nichts von Hip-Hop hält mag ja seine Meinung sein, aber diese dem Leser aufzuzwängen ist schon recht dreist an sich.) Und gegen Kleinkunst an sich hat der Herr auch was, nein, moment, gegen “Klein”-Kunst an sich, soviel Detail muss schon sein. (Sehen wir mal davon ab, dass das Parkhaus in Meiderich der richtige Ort für Kleinkunst ist, denn allzu groß ist es ja nun nicht, aber immerhin hat es diversen Zulauf und ein recht buntes Programm.) Sprich: Schon in den ersten Absätzen gelingt es dem Herrn Journalisten mit ein wenig Dreck zu werfen – zwar unterschwellig, aber wir wissen ja: Etwas bleibt von dem Zeug immer hängen.
Ob “Dat is Duisburg” nun belanglos ist oder nicht, darüber haben die Zuschauer des Videos bei Youtube und die Käufer der Single – die man in der Duisburger City problemlos bekommt übrigens – schon entschieden, die Entscheidungshoheit des Artikels endet daher eigentlich schon an dieser Stelle. Dass in Duisburg einiges im Argen liegt sollte einem Journalisten nun nicht unbekannt sein, dass auch kulturell nicht immer alles hier so läuft wie es laufen sollte ebenfalls. Aber ab dieser Stelle weicht der Journalist einem modernen Märchenerzähler: Einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichte die Band um Marcel Wojnarowicz aber nicht durch “Party-Raps” und “Storytelling”, was sie immerhin für Stadtfeste oder Veranstaltungen des DGB qualifiziert. Grund ist vielmehr die rasche Verbreitung ihres Songs “Selbst gemacht” im Internet. Dabei reicht ein Blick auf die Webseite der Band um zu sehen, dass es GENAU diese Arbeit mit Jugendlichen ist. Es mag auch sein, dass durch “Selbst gemacht” der Bekanntheitsgrad stieg, aber warum der letzte im Satz im Präsens formuliert ist? Die rasche Verbreitung im Netz war doch schon vor einigen Monaten… Aber egal, der moderne Märchenerzähle holt jetzt die ultimative Keule raus: “Seine intellektuell offenkundig eher schlichte, von historischen Fakten unbelastete Gedankenwelt bricht sich hier in Verschwörungstheorien Bahn.”
Sicherlich hat der Journalist hier den Sänger der Band ausführlich interviewt und kann das Ganze auch – ähm – nein, hat er nicht. Sonst stünde da nämlich nicht die Formulierung, der Sänger hätte in einem Interview gesagt. Dann stünde da, der Sänger hätte im Interview mit dem Journalisten gesagt. Gut, den Unterschied muss man schon kennen, aber er fällt auf und es ist ein Kardinalfehler, der hier allgemein unterlaufen ist: Der Journalist hat die Band nicht selbst gefragt. Was man, wenn man über die Band kritisch berichten will – das kann man gerne tun, natürlich, dazu sollen Journalisten ja auch da sein – dann hätte man sie eigentlich zu konkreten Verdächtigungen selbst fragen sollen. Aber das ist nicht geschehen. Nochmal: Sämtliche Zitate im Artikel stammen offenbar aus anderen Quellen.
Das ist durchaus legitim, nicht jeder kann alles wissen – was aber der Journalist dann daraus zusammenbraut erweist sich weniger als kritischer Artikel als vielmehr als Elaborat eines modernen Märchenerzählers, der weniger objektive Gründe als subjektive zu haben scheint. Die Fakten und Tatsachen dienen als Steinbruch aus denen sich der Scheiber des Artikels seine eigene Weltsicht zusammenbaut, in der die “Bandbreite” dann alles andere als gut weggkommt. Kritik sollte objektiv sein – aber hier schimmert durch jeden Satz die persönliche Meinung des Journalisten durch. Als Glosse eventuell in Ordnung, aber nicht als kritischer Bericht, den er den Lesern darbietet. Dazu ist zuviel Subjektivismus in dem Artikel drin.
Journalisten sollten sorgfältig und aufmerksam arbeiten – dazu gehört eine Recherche, dazu gehört dann aber beim Schreiben des Artikels eigentlich seine vorgefasste Meinung rauszuhalten. Eigentlich. Und dass hier offenbar der Verfasser etliche Hühnchen zu rupfen hat geht aus der Formulierung des Artikels und der Aufmachung für mich jedenfalls klar hervor.
Weitere Infos dazu hat Herr Unkreativ übrigens, der auch meint, dass es da ein persönliches Problem geben könnte – wohlgemerkt, Konjunktiv, weder er noch ich wissen das definitiv.