Obwohl in den USA wirklich exzellente Essaybände zum Thema erschienen sind, ist Literatur zu Fernsehserien auf deutsch im wissenschaftlichen Kontext hier so gut wie nicht zu finden. Nicht falsch verstehen: Claudia Kerns zwei Bücher zum Thema “Buffy” sind ebenfalls toll, ebenso hilfreich war der Christian Lukas, aber das sind gute, fundierte Arbeiten von Nichtwissenschaftlern. (Die wirklich hilfreich sind. Echt jetzt. Sind ja auch die Einzigen, die in Deutschland von Bedeutung sind für die Serie. Es gibt bestimmt noch etliche Artikel in der TVHiglights oder so, die interessant wären – aber bis man DIE als Kopie in der Post hat… Neeee.)

Wissenschaftlich ist das Thema meines Artikels zu “Buffy” hierzulande ebensowenig beackert worden wie die Frage, wie der christliche Bezug in Doctor Who zu werten ist – den es durchaus gibt. Finale von der neuen Staffel 3? Oder “Gridlock”, wo es ebenfalls diverse Anspielungen auf die christliche Mythologie gibt? Deutsche Zuschauer werden, wenn diese Folge irgendwann bei Pro7 zu sehen ist, oder auch eher nicht glaube ich, sich bestimmt fragen was die da singen. Kann ich jetzt schon mal klären: In “Gridlock” kommen zwei Hymns vor, also Choräle. Einer davon sollte sogar im Evangelischen Gesangbuch zu finden sein: “Abide with me” nämlich. “Bleib bei mir Herr” ist das auf deutsch. Soll übrigens auch das letzte Stück auf der Titanic gewesen sein wenn ich Wissenschaftlern trauen darf. Händels Largo wars jedenfalls nicht. Hmm, ich weiß manchmal einfach zu viel glaube ich. Der andere Choral in der Folge ist übrigens “The old rugged cross”. Wenn man sich mal die Texte anschaut, dann leuchten da durchaus schon Assoziationsketten auf. Wenn man dann noch das Finale der dritten Doctor-Who-Staffel – neue Serie – dazuzieht, dann hätten wir auf der einen Seite Martha Jones als Johannes-Figur – also wirklich, deutlicher gehts nun nicht, oder? Martha Jones, die ein Jahr auf der Erde herumreist um die definitive Waffe zu finden, die natürlich VIER TEILE hat, um den Master zu besiegen und die dabei vom Doctor erzählt? Auf der anderen Seite haben wir dann den Doctor, der durch den Glauben der Masse und durch die Hilfe von einem Satelliten-Netzwerk – hmm, heißt das nicht zufälligerweise The Angel-Network? Ich glaube schon, oder so ähnlich – wieder an Kraft gewinnt und dann durch die Luft in eine Gloriole gehüllt schwebt… Also wirklich. Darüber kann man Doctor-Arbeiten schreiben. (Pardon the pun.) Sehen wir mal von den “Engeln” bei VotD ab, die den Doctor am Ende dann unter die Arme greifen und durch die Decke – ähm – sanft hindurchtragen. Oder so.
Wobei Russel T. Davis, von dem “Gridlock” ja stammt, durchaus auch seine sogenannte Gay-Agenda durchdrückt: Wenn nämlich die Kamera als “The old rugged cross” ertönt ja Ausschnitte aus den ganzen “Autos” zeigt, dann zeigt sie nämlich auch die beiden alten verheirateten Damen und es gibt dann einen Schnitt auf die Hände der beiden alten Damen… (Okay, wir schreiben immer noch über eine Kinderserie, falls das jemandem entgangen sein sollte. Eine KINDERSERIE. Und jetzt schaue man sich bitte mal an was bei uns im Kinderfernsehen läuft, wenn es denn mal bei den ÖRs läuft und nicht im Kinderkanal… Und ihr wollt mir erzählen, sowas ist Kinderkram? Bitte nochmal den obigen Absatz lesen, ja?)
Oder nehmen wir mal “Band Candy”, die Buffy-Folge aus der dritten Staffel. Auf den ersten Blick eine ganz normale Stand-Alone-Folge – wobei man das bei Buffy eigentlich ebensowenig wie bei den X-Files sagen kann, sicherlich werden einzelne Geschichten erzählt, aber der Story-Arc ist dann doch vorhanden. Inhalt: Böse Süßigkeiten – ich wette, die Folge heißt auf deutsch auch irgendwie so, ich erinnere mich an das “Bad Beer”-Debakel, “Das Bier der bösen Denkungsart”? Oh my… – verwandeln die Erwachsenen in Sunnydale in Teenager zurück, also nicht wirklich, vom Verhalten her eher. Das ganze ist nur ein Ablenkungsmanöver um das Opfer für den Dämonen Lokustes – oder so – aus dem Krankenhaus zu stehlen, Babys nämlich. Buffy rettet den Tag und die Babys. Natürlich.

Die Handlung ist aber nur Oberfläche, die natürlich geschickt das “Körpertausch”-Thema der Phantastik aufnimmt – wenngleich es hier um einen Tick gedreht erscheint und nicht im eigentlichen Sinne Körper getauscht werden, was nochmal eine weitere Schicht in dieser Folge ist. Wobei es natürlich auch um das Tauschen geht in dieser Folge: Das Tauschen von Verantwortung gegen Verantwortungslosigkeit nämlich. Insofern eine weitere Schicht, aber um was es in der Folge eigentlich geht ist eine Spiegelung des Verhaltens bzw. der Charaktere. Denn Buffy, die zu Beginn der Folge von ihrer Mutter daran erinnert wird, dass sie am Ende von Staffel Zwei einfach so abgehauen ist und Joyce will auf keinen Fall, dass Buffy ihren Führerschein macht um das nochmal zu erleben, befindet sich auf einmal in der Situation, die zu Anfang Giles und Joyce einnehmen: Joyce und Giles wollen Buffy vor den Dingen der Welt und vor sich selbst beschützen, was bei Buffy allerdings schwieriger ist als bei anderen normalen Teenagern. Zu Recht murmelt Joyce ja, dass die anderen Eltern zumindest in Etwa wüßten wovor sie ihre Kinder beschützen. Joyce, die erst kurz zuvor von Buffys zweiter Identität als “The Slayer” erfahren hat, weiß das natürlich nicht. Giles ist da natürlich im Vorteil: Schließlich ist er Buffys “Watcher” und in der Folge wird nochmal deutlich wie sehr er eigentlich für Buffy und die “Slayerettes” – nein, das deutsche Äquivalent für diesen Begriff schreibe ich nicht hin, der ist einfach lächerlich dämlich – als Vaterfigur zu werten ist. Die Hoffnung, dass alles in Ordnung gehen wird wenn man nur bei Giles ankommen würde muss Buffy auf der Fahrt zu seiner Wohnung zerstören: “Giles at sixteen? Less Together Guy, more Bad-Magic-Hates-The-World-Ticking-Time-Bomb Guy.

Man halt also Rupert “Ripper” Giles anstelle des sorgfältigen Bibliothekars und Watchers. Der sonst so starke Giles verwandelt sich auf einmal in einen verantwortungslosen, “bösen” Teenager – mit all den Erinnerungen des Erwachsenen, aber ohne dessen Moral, Normen oder Sichtweisen. Und damit kehrt die Folge genau die Situation um, die zu Beginn angedeutet wird, es findet ein Rollentausch statt: Aus Teenagern müssen in dieser Situation Erwachsene werden, die Last der Verantwortung liegt auf einmal auf ihren Schultern und sie müssen feststellen, dass es alles andere als einfach ist. (Vielleicht schon ein Vorgeschmack auf Staffel 6, in der das Grundthema des “Erwachsenseins” mit allen Vor-und Nachteilen ja mehr als einmal grundlegend behandelt wird. Auch das des Fehlens von Giles übrigens. Was Joss Whedon bestimmt damals noch nicht geplant hatte. Ist ja nicht Babylon5.)

Was “Band Candy” uns – neben der obligatorischen Fortführung des Story-Arcs um den Bürgermeister – vorführt ist neben einer “Buffy verhaut das Monster der Woche” durchaus eine Folge, die reflektiert ob das Erwachsenensein nun wirklich so viel besser ist als die Teenager-Zeit – nun könnte man meinen die Antwort auf die Frage sei ziemlich eindeutig, schließlich ist das Chaos was die verfluchten Schokoriegel anrichten ja schlimm genug. Aber es gibt eine Dialogzeile von Joyce bei der man nicht sicher ist wie Jane Espenson, die Drehbuchschreibern, ihn gemeint hat: Yeah, like, uh, getting married and having a kid and everything was just a dream, and now things are back like they’re supposed to be.


Schwingt da Sympathie für den Teenager mit? Sicherlich ist es ein Traum von jeden von uns einmal wieder “sweet 16″ zu sein, wenn man aber genauer darüber nachdenkt – und das tun die Autoren bei “Buffy” in dieser Folge nun durchaus – dann erinnert man sich vielleicht daran dass diese Zeit alles andere als nett war. Eigentlich. Sicherlich verklärt man manches, aber vor die Wahl gestellt würde man doch kaum sein jetziges Leben mit dem damaligen tauschen wollen und die Unsicherheit, diese “Die Welt versteht mich total nicht und meine Eltern sowieso nicht”-Gefühls-Phasen, nicht nochmal erleben wollen. Insofern könnte Joyces Aussage als ironischer Vermerk stehenbleiben. Sie spiegelt aber genau das wieder, was man eigentlich als Teenager erlebt: Ehe? Kinder? Job? Alles noch weit weg, es zählt nur der Augenblick. Sehen – haben wollen – sich nehmen – genau das praktiziert “Ripper” ja wenig später nach dieser Anmerkung und – womit wir den Bogen zum Story-Arc geschwungen haben – genau das lebt Faith ja in einer späteren Episode Buffy vor. Aber dieser Lebensstil hat Konsequenzen: Einerseits versteht Buffy, die am nächsten Morgen ja ihre SATs hat – also die Prüfungen für ihre späteres College-Leben, was in Staffel Vier ja eine Rolle spielen wird – ich hasse Riley übrigens persönlich immer noch – was Verantwortung ist. Zwar nicht in einer der alten Moralkeulenform a la He-Man oder She-Ra, sondern sie kann zumindest ahnen wie es ist wenn man nicht nur auf sich selbst achten muss. Zweitens gibt es in dieser Folge nochmal eine Konsequenz, die doppelbödig ist: Giles und Joyce haben miteinander geschlafen. Eine Tatsache, die sie vor Buffy – die nun wirklich einmal in der Folge meint, man solle ihr besser nicht erzählen woher Joyce die Handschellen hat – verheimlichen werden bis Buffy das zufälligerweise in “Earshot” herausfindet, als sie zeitweise Gedanken lesen kann. In gewisser Weise spiegelt sich nämlich in diesem Geheimnis genau das wieder, was zum zweitweisen Bruch zwischen Oz und Willow führen wird – Xander und Willow haben nämlich durchaus noch Gefühle füreinander, eines der weiteren Story-Arc-Elemente dieser Staffel. In gewisser Weise haben wir dann am Ende der Folge, auch wenn wir es als Zuschauer gar nicht so mitbekommen, eine Verdoppelung der Situation: Giles und Joyce haben ihr Geheimnis und benehmen sich recht seltsam, Willow und Xander haben ebenso ihres und beide Geheimnisse kommen unfreiwillig im Laufe der Staffel ans Licht.
Was wiederum an sich nur Spiegelungen des Verhältnisses zwischen Buffy und Angel in dieser Staffel ist… Jedenfalls: Ich kenne nur noch eine andere TV-Serie, die derart geschickt einerseits Themen der Phantastik adaptiert um sie andererseits dann auf den Kopf zu stellen – und einen ebenso dichten Story-Arc hat wie “Buffy”. (Selbst wenn dieser in Staffel 6 und 7, für manche Leute gibts die siebte ja gar nicht, durchaus durchhängt…) Na ratet mal, welche andere Serie ich meine – nein, Doctor Who ist es nicht, da ist der Story-Arc recht lose…