April 26, 2008...4:07 Uhr nachmittags
Ich bin nicht “Man”
Es gibt im Englischen einen schönen Satz, der da lautet “In your own time.” Was nichts anderes heißt, als dass man - bei einer Prüfung z.B. - sich die Zeit nehmen kann die man genau für die Aufgabe braucht. Seine eigene Zeit. Bei Prüfungen relativ unrealistisch, außer der Fahrlehrer sagt das zu einem…
Ich höre da immer eine besondere Betonung auf “own” heraus - also das IHRER/DEINER Zeit. Etwas, was im Deutschen keine Tugend ist - hier heißt es nämlich des öfteren: “Das tut MAN aber so und so.” Im Unterton, der da mitschwingt wird impliziert, dass man a) komplett doof ist wenn man es nicht genau so macht, b) irgendwie nicht normal sein kann wenn man das halt nicht so macht und c) der Ratschlag, man soll sich gefälligst an das halten, was schon Millionen andere vor dir gemacht haben, du Depp. Denn NUR so und GENAU so ist das richtig. Und wenn du nur ein Jota davon abweichst, dann wirste sehe was du davon hast. Unnötigen Ärger nämlich.
Komischerweise wird andererseits aber immer wieder verlangt, dass man doch gefälligst auch was lernen soll. Dann bitte schön individuell und auf die eigene Weise. Klar, man kann auch durch kopieren lernen und manchmal ist das, was “man” tat ja auch die richtige Vorgehensweise. Aber wer sagt denn, dass ich “man” bin?
Nehmen wir mal das Regal, dass ich heute allein aufgebaut habe - worauf ich schon etwas stolz bin, denn schließlich habe ich zwei linke Hände was sowas betrifft, aber ich weiß wenigstens, dass ich dafür kein Talent habe. (Weswegen ich auch immer komisch angeguckt werde wenn ich mich definitiv weigere irgendwas, was schwieriger ist alleine zusammenzufügen. Das letzte Mal war es einfach ein Desaster, wie war das noch mit dem Lernen? Ebend. Aber DAS wird dann ja auch nicht akzeptiert wenn man seine Grenzen kennt und die benennt. Von wegen… Dann ist man ja “trotzig”, “verstockt” und “nicht lernfähig”. Ah ja.) Es steht, die Schrauben sind drin, die Böden halten was aus. Dass auf der einen Seite die Nägel nun nicht abstehen, auf der anderen Seite aber schon verstehe ich jetzt nicht so ganz. Wirklich nicht. Ich habe gestern nämlich die eine Seite komplett verschraubt bekommen ohne dass was raussteht. Denn so schwer ist das ja nun auch wieder nicht - da gibts Löcher, da sind Schrauben, man lege die Löcher übereinander und bohre die Schraube mit dem Schraubendreher rein. Das hat auf der einen Seite auch - bis auf eine Schraube, zugegeben - hervorragend funktioniert. Warum das selbe Prinzip auf der anderen Seite nur zu - hmm - 5% klappte obwohl ich nichts anderes gemacht habe ist mir ein Rätsel. Aber das kann man ja nachbearbeiten. Das Teil steht jedenfalls jetzt fertig zum Befüllen.
Manche Leute werden jetzt wahnsinnig, wenn sie lesen dass die Schrauben auf der einen Seite teilweise etwas rausstehen. Für sie muss alles sofort, exakt und auf die Schnelle erledigt sein. Warten ist nicht ihre Sache.
Ich selber habe mir jetzt zwei Tage Zeit damit gelassen. Weil das keine Sache auf Leben und Tod war. Weil mir das - ehrlich gesagt - auch nichts ausmacht, wenn das beim ersten Mal nicht sofort schnieke aussieht. Mein Gott, dann leiht man sich halt einen Akkuschrauber aus mit dem passenden Dingen und schraubt die Dinger halt nachträglich ein. Ich habe mehrfach nachgesehen ob die Schrauben in den richtigen Löchern drinstecken, wenn das beim von Hand einschrauben auch zuerst problemlos ging, dann ist das so richtig. (Wobei da auch zwei Löcher ab und an zu finden waren…) Wo ist das Problem? Das Problem ist: Sowas tut “man” ja nicht. Man stellt kein Regal auf wenn die Schrauben “nicht richtig drin” sind. Nun, ich tue das aber. Denn ansonsten komme ich nicht an meine Socken…
Fragt sich wer dieses “man” definiert… Die Gesellschaft? Die Leute, die einen kennen? Fraglich, denn die Leute die einen kennen werden wissen, wie ich arbeite und was ich nicht kann. Und werden dementsprechend vielleicht auch nicht ungeduldig wenn es nicht so klappt wie es den eigenen Vorstellungen entspricht. Aha. Den “eigenen Vorstellungen”. Das ist dann doch wohl eher das, was sich hinter diesem obskuren “man”, dass man als Schutzschild vor sich herträgt, verbirgt: “Du hast nicht so gehandelt wie ich handeln würde. Böser Prospi, böse, böse, böse. Das tut man halt nicht.”
Dieses “man” ist also eigentlich nur eine Maske, sie verbirgt im Grunde nur die Vorstellung, dass das Gegenüber gefälligst so zu handeln habe wie einer selbst in der Situation handeln würde. Und das ist das falscheste, was man machen kann. (Schon wieder dieses “man” wo eigentlich “ich” hätte stehen müssen. So einfach ist es, sich zu verstecken.) Ich bin NICHT mein Gegenüber. Mein Gegenüber ist auch nicht so wie ICH. Jeder hat seine eigene Zeit Dinge zu tun.
Natürlich muss man ab und an sofort auf Sachen reagieren, weil einem sonst die Zeit davonrennt. Sicherlich. Aber das kann ich doch abwägen, was wichtig ist und was nicht. Eigentlich. Ab und an schlüpft mir das auch mal durchs Gedächtnis, zugegeben. Aber wem passiert das nicht? Wäre ich von Fehlern frei wäre ich nicht mehr auf der Erde sondern vermutlich im Himmel.
Seltsamerweise sieht derjenige, der da im Himmel thront die Sache etwas großzügiger als wir uns selbst gegenüber. Diese ganze Erwartunghaltung, die da so schnell aufgebaut wird, verpufft angesichts dessen, was als die Bergpredigt überliefert wird. Dass “er erschuf den Menschen nach seinem Bilde” lässt uns ja eigentlich innehalten und nachdenken…
Aber ich schweife ab. Dass “man” also, das so drohend und schützend vorgetragen wird, ist eine Maske. Ein Versteck. Hinter der sich das verbirgt was “normal” ist, Normen, Grundsätze, Regeln. Nichts dagegen, ehrlich. Also gegen Normen, Grundsätze, Regeln. Aber das alles wandelt sich halt. Oder steht ihr im Bus auf wenn eine ältere Dame einen Sitzplatz braucht? Seid ehrlich - tut ihr das? Na?
Früher war das selbstverständlich. Heute nicht mehr so ganz.
Alles ist im Fluß. Alles wandelt sich. Alle verändert sich. Sichtweisen, Meinungen, Vorgehensweisen. Deswegen ist des öfteren das, was “man” tut auch grundlegend falsch, weil es einfach nicht mehr auf die Gegebenheiten der Gegenwart passt. Das Fatale hierbei: Derjenige, der das meint, hat vielleicht noch gar nicht wahrgenommen, dass sich die Welt geändert hat. Wie Lemminge folgen wir dann den Ratschlägen der Ach-so-Weisen und sehen den Abgrund nicht, der sich am Horizont auftut.
In Robert Gernhardts “Die Falle” gibt es eine Aussage, die sinngemäß so zusammengefasst werden kann: Nur wer nicht ständig seinen Mund hält, ist auch jemand, der wirklich was Wert ist. (Wirklich nur ganz grob, ich habe die Stelle leider nicht mehr zitatgenau im Kopf.) “Man” redet nicht wenn man nicht gefragt wird - das mag ab und an richtig sein, aber nicht immer. “Man” baut ein Regal an einem Tag auf und wenn es steht, dann ist es hybsch, fertig und einräumfertig - das stimmt bei mir nicht. Bei jemand anderem eventuell. Nur: Ich bin nicht “man”. Diese Erwartungen, die an mich gestellt werden, sind nicht die meinen - und eventuell sollte ich auch ab und an innehalten und sagen: “Moment - gut und schön. Aber ich mache das anders. Wenn dir das nicht passt, da ist die Tür. Wenn du einverstanden bist können wir zusammen schauen, was wir für eine Lösung finden.”
Klingt hart. Ich weiß. Aber “was nützt es einem Menschen, wenn er Reichtum gewönne und dabei seine Seele verlöre”? Im abgewandelten Sinne: Was nützt es denn mir wenn ich mich unter Stress setze, Erwartungen zu erfüllen, die ich nicht erfüllen KANN weil es mir einfach nicht möglich ist. Kein Trotz. Kein Bockigkeit. Es geht halt einfach nicht, weil ich es ausprobiert habe und weiß, dass ich es nicht kann. Dafür habe ich andere Talente, die ich nicht im Boden vergrabe. Was wiederum auf der anderen Seite dann nicht verstanden wird. Aber das ist in Ordnung. ICH weiß ja, dass mein Gegenüber nicht ICH ist…



2 Kommentare
April 26, 2008 um 4:44 Uhr nachmittags
Oh ja
. Ich find ein wenig von mir wieder. Übrigens eignen sich hervostehende schrauben hervorragend dafür etwas dranzuhängen. Bei mir hängen an einem Türschanier Anhänger und ähnliches.
Ist doch gut wenn es Menschen gibt die vile Dinge anders machen als die Masse. Hier in Deutschland ist das “mehr” als nötig.
Die “dumme” Masse kapiert dies allerdings nicht. Talente erkennt sie schon gar nicht. Ein “web Designer der nicht programieren kann, kann halt nix.
Traurige Realität in einem Phantsielos gewordenem Land in dem man nur noch Erfüllungsgehilfe des Mainstraems sein darf.
Wehe jemand interessiert sich nicht für Fussball, trinkt kein Bier, liest keine verblödenden Zeitungen. Und schlimmer, sagt und steht auch noch dazu.
Deshalb, ruhig querdenken, das brauchen wir in “diesem Land.
April 26, 2008 um 6:36 Uhr nachmittags
sage ich, bedenke was du alles kannst……. und schrauben? hauptsache das ding steht fest…..
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